Unsere aktuellen Neuerscheinungen

Annie Hruschka: Ich war gebunden, als ich dich sah. Roman.

Elisabeth hat keine Zeit, sich in der elegant ausgestatteten Halle des Schlosses Wolfeck, das von heute an ihren Aufenthaltsort bilden soll, umzusehen. Kaum hat sie die Schwelle überschritten, tritt ein schwarzgekleidetes Mädchen mit weißer Latzschürze und ebensolchem Häubchen auf sie zu und sagt: »Fräulein Benedikt, die neue Erzieherin, nicht wahr?«

»Ja, die bin ich …«

»Wir haben Fräulein schon dringend erwartet, und die gnädige Frau läßt Fräulein ersuchen, sogleich nach Ihrer Ankunft zu ihr zu kommen. Ich werde mir erlauben, Fräulein zur gnädigen Frau zu führen. Ich bin Anna, das erste Stubenmädchen.«

»Gut, Anna, wir wollen nachher gleich zur gnädigen Frau gehen. Nur den Reisestaub muß ich vorher abspülen und die Kleider wechseln. Wo ist mein Zimmer?«

»Fräulein verzeihen, aber die gnädige Frau befahl ausdrücklich: sogleich nach der Ankunft, und würde sehr ungehalten sein, wenn Fräulein sich erst noch umkleiden wollten vorher …« … #ErsteSätze


Lily Braun: Lebenssucher. Roman.

Es gibt Jahre, in denen der Frühling nicht fröhlich ist; die wenigen Blumen, die er über die Wiesen streut, sind blaß und welken rasch; nur zögernd, fast als fürchteten sie sich, kriechen die jungen Blätter an den Bäumen aus der braunen Hülle; das dürr raschelnde Herbstlaub im Walde wird kaum jemals ganz von einem frischen Moosteppich verdrängt, und auch der klarste, blaue Himmel trägt einen feinen grauen Schleier wie die jungen Nonnen bei der letzten Weihe.

Solch ein Frühling strich mit seiner schlaffen, weichen Luft über die Höhen des fränkischen Jura, spielte im Vorüberstreifen flüchtig mit der zerbrochenen Äolsharfe auf dem grauen Turm von Hochseß, tanzte ein wenig über dem ausgetrockneten, zwischen Nesseln träumenden Ziehbrunnen, um schließlich die schmale Wange und die blonden, glatten Haarsträhnen des schlanken Knaben kosend zu streicheln, der auf der alten efeuumsponnenen Mauer saß und unbewegt in das Land hinausstarrte. Weithin breitete es sich aus vor ihm, von dem engen Tale an, das drunten schlief, eingewiegt vom Murmeln und Plätschern des breiten Baches und dem Klappern der Wassermühle, deren Räder er trieb. … #ErsteSätze


Maria Waser: Das Gespenst im Antistitium. Novellen.

Wenn ich das Haus denke, darin ich meine Kindheit verlebte, meine ich, daß ich mir die peinliche Selbstbespiegelung füglich ersparen könnte, sofern es mir gelänge, dessen Seele aufzudecken; denn mir scheint, daß dann alles klar werden müßte, was mein Leben angeht und meinen Weg bestimmte. Dieses Haus war klein und von vielen Fenstern erhellt; aber in meiner Erinnerung steht es weiträumig und reich an dunkelm Geheimnis, und eigentlich trennte der breite Gang, der gradaus von der vorderen zur hinteren Haustür lief, zwei Welten: Auf der Sonnenseite die kleinen hellen Zimmer, wo man aß, lebte, lernte, musizierte, wo Mutter uns drei Schwestern an den Nachmittagen unterrichtete und uns des Abends Geschichten erzählte oder aus den großen Dichtern vorlas. Hier verkehrten die heiteren Gäste, und wohl niemals haben Wände herzlicheres Lachen wiedergegeben und flammendere Begeisterung gesehn als die weiß und rosenrot gestrichenen dieser Sonnenzimmer. Jenseits des Korridors aber, auf der Schattenseite, lagen die großen, dunkelbraunen Stuben. Oben die stillen, wo man die Nacht verbrachte, unten die geheimnisbelebten, wo neben dem gewaltigen Schreibtisch der rätselhaft bewegliche Lederstuhl thronte, wo wändelang die funkelklaren Glasgefäße standen, wo auf schlichten Bänken bedrückte Menschen warteten. Und wohl kaum je haben Räume mehr Menschenschicksal erlebt als diese verschwiegenen braunen Stuben, die Angst, Marter, Blut und Sterben und alles innige und furchtbare Geständnis vernahmen und durch die im Lauf der Jahrzehnte ein ganzes Volk von Leidenden, Verzweifelten, Hilfesuchenden und Getrösteten ging. … #ErsteSätze


Balder Olden: Anbruch der Finsternis. Roman.

Um elf sollte Hans-Heinz entlassen werden, jetzt war es fast ein Uhr, und Gerda saß immer noch einsam am Volant. Ein dutzendmal oder öfter, seit sie hier wartete, hat das schwere Portal des Festungsgefängnisses sich auf- und zugetan, oft hatte der Posten das Gewehr salutiert, wenn ein Offizier ein- oder ausging. Hans-Heinz war noch nicht erschienen.

Wenn er kommt, wird der Soldat nicht mehr salutieren, dachte sie. Er war einmal Offizier, aber jetzt ist er gar nichts mehr.

Sie hatte Angst vor diesem Wiedersehen mit einem Menschen, der ein ganzes Jahr Einzelhaft hinter sich hatte, einem jungen Menschen, der ein ganzes Jahr lang Not und Wut und Verzweiflung allein in sich hineingewürgt hatte.

Kannte sie ihn noch? Kein unzensurierter Brief war während dieses Jahres zu ihr gekommen, nur diese öden vorschriftsmäßigen Liebesrapporte auf abgezirkeltem Zeilenraum, auf dem er ihr wöchentlich einmal hatte mitteilen dürfen, daß er gesund sei und keine Bedürfnisse habe und in Liebe ihrer gedächte. Viel anders waren auch die Briefe nicht gewesen, die sie ihm schrieb, sie hatten eine doppelte Zensur zu passieren gehabt, die des Festungskommandanten und die ihres Vaters, der jedes Wort belauerte, vor Angst und Argwohn, seine Tochter und damit er selbst könnten durch Briefe an diesen sehr gefährlichen, sehr unerwünschten, aber leider unentrinnbaren Schwiegersohn kompromittiert werden. … #ErsteSätze


Selma Lagerlöf: Die Prinzessin von Babylonien. Erzählungen.

Es war an einem dunklen Winterabend in der kleinen Hütte Skrolycka. Kattrinna, die Bäuerin, saß da und spann, und die Katze lag auf ihrem Schoß und spann auch, so gut sie konnte. Der Mann, Jan Andersson, saß am Herde und wärmte sich mit dem Rücken gegen das Feuer. Er war den ganzen Tag in Erik Fallas Wald gewesen und hatte Holz gehackt, da konnte niemand von ihm verlangen, daß er jetzt, wo er daheim war, noch eine andere Arbeit vornehmen sollte. Nicht einmal Kattrinna hatte etwas dagegen einzuwenden, daß er jetzt nichts anderes tat, als mit ihrem kleinen Mädchen spielte und plauderte, das diesen Winter in sein fünftes Jahr ging.

Kattrinna saß in ihren eigenen Gedanken da und hörte nicht viel darauf, was der Mann und das Kind miteinander schwatzten. Aber auf eines hielt sie strenge. Sie konnte es nicht leiden, wenn Jan der Kleinen sagte, daß sie so schön und besonders sei, und das tat er gar zu gerne. Denn wenn Klara Gulla schon als kleines Kind eine hohe Meinung von sich selbst bekam, dann wußte ja Kattrinna, daß nie und nimmer ein vernünftiges Frauenzimmer aus ihr werden konnte. … #ErsteSätze


Ilse von Stach: Die Beichte. Novelle.

Ihnen selbst zum Frieden und auf ewig verhallen die letzten Seufzer der gerecht Gerichteten; die Erde empfängt ihr Blut ohne Murren; die Stadt, die ihren Frevel gesehen hat, sieht ihre Sühne, und die engen Gassen halten nicht die Stimmen ruheloser Geister in ihren Mauern fest. Aber die Klagen der gemordeten Unschuld schweben fort über der Richtstätte und zwischen den Häusern, und Kindern und Enkeln weht in stillen Nächten, wenn die Tat sich jährt, ein Atemzug aus der Sterbenot der Geopferten über die schaudernde Brust. Und wo die freche Hand des Mörders nach dem Haupte des Erwählten Gottes tastet, wo die entartete Menschheit fühlloser geworden ist als die Natur, die die Nähe dessen empfindet, der sie selbst durch die süße Gewalt seiner Seele in seinem irdischen Leibe überwunden hat, da wechseln Mond und Sterne die Milde ihres Lichtes, die Erde erbebt, die Wasser bäumen sich auf, die Zinnen der Stadt starren drohend in die verblassende Abendröte – – Prag! du goldenes Prag! du blutrotes Prag! Wie willst du die Stunde überdauern, in der der Henker deinem Heiligen den Tod zu schmecken gibt? … #ErsteSätze


Guy de Maupassant: Stark wie der Tod. Roman.

Durch das Oberlicht an der Decke fiel der Tag in das geräumige Atelier. Es war ein großes Viereck voll strahlenden, bläulichen Lichtes, eine helle Öffnung, in die das unendliche Himmelsblau hineinschaute, durch das blitzschnell die Vögel dahinschossen.

Aber kaum war das fröhliche Himmelslicht in den hohen, ernsten, drapierten Raum gefallen, so ward es sanft, fing sich in den Stoffen und wurde von den Vorhängen verschluckt, sodaß es kaum noch die dunklen Ecken erhellte, wo bloß die Goldrahmen wie Feuer aufleuchteten. Hier schienen Friede und Ruhe hergebannt, in die Stille des Künstlerheims, wo die Menschenseele arbeitet. Innerhalb dieser Wände, die der Gedanke bewohnt, in denen er kämpft und ringt ohne Unterlaß, erscheint alles matt und müde, sobald der Schöpfer ruht. Nach seinen gewaltigen Anstrengungen ist alles wie tot, alles schlummert, Möbel, Stoffe, die noch nicht beendigten Porträts auf der Leinewand, als ob der ganze Raum unter der Müdigkeit des Meisters gelitten, mit ihm gerungen und täglich teilgenommen hätte an diesem immer wieder sich erneuernden Schaffenskampf.

Ein unbestimmter Geruch von Malerei, Terpentin und Tabak lag über dem Raum, festgehalten von Teppichen und Möbeln. Kein andrer Laut unterbrach die tiefe Stille, als der kurze, helle Schrei der Schwalben, die über dem geöffneten Oberlicht hinschossen, … #ErsteSätze


Guy de Maupassant: Unser Herz. Roman.

Eines Tages sagte der Musiker Massival, der berühmte Komponist der Rebecca, den man seit fünfzehn Jahren ›den jungen und großen Meister‹ nannte, zu seinem Freunde André Mariolle:

– Warum hast Du Dich eigentlich nie Frau Michaela von Burne vorstellen lassen? Ich kann Dir bloß sagen, das ist eine der elegantesten Frauen von Paris.

– Weil ich in diese Kreise gar nicht passe.

– Oh, da täuschst Du Dich. Ihr Salon ist wirklich originell, modern, künstlerisch sehr anregend. Dort wird thatsächlich gute Musik gemacht, und die Unterhaltung ist so geistreich wie nur je bei den geistreichen Damen des vorigen Jahrhunderts. Ich glaube, Du würdest dort sehr gut aufgenommen werden; einmal, weil Du so vorzüglich Violine spielst, und dann weil von Dir allerlei Schönes dort gesagt worden ist. Dann auch, weil man weiß, daß Du kein Allerweltsmensch bist und Dir die Leute aussuchst, bei denen Du verkehrst. … #ErsteSätze


Olga Wohlbrück: Das kleine Glück. Roman.

… Endlich ward die kleine Seele bezwungen, so sehr sie sich auch wehrte, so sehr sie auch entfliehen wollte aus dem kleinen, gebrechlichen Körper… Und dann wurde sie schließlich still … so still und ruhig, daß man ihrer fast vergaß.

Aber der kleine Körper wurde gehegt und gepflegt … Den vergaß man nicht … Nie. Und so wuchs und gedieh er zur Freude der Eltern. Das kleine Neutrum wurde ein Femininum – nicht mehr »es«, sondern »sie«, und man nannte sie jetzt »Püppchen«.

Püppchen lernte Papa und Mama sagen, aber erst nach vieler Quälerei. Püppchen bekam weiße, schauderhaft gestärkte Kleidchen mit grellblauen oder grellrosa Achselbändchen, die sie mutwillig immer wieder aufband, vielleicht aus unbewußter Opposition eines angeborenen Geschmacks. Püppchen lernte »bitte, bitte« sagen und Knixe machen.

Gar bald lernte Püppchen noch etwas, was durchaus nicht im elterlichen Programm vorgesehen war: Püppchen lernte das Wörtchen »Ich will«. … #ErsteSätze


Maria Bernthsen: Djayi. Roman.

Als hätten sie nie vorher dieses Stückchen Erde bewundern können, so begeistert umfassen es die Augen des Rechtsanwaltes Doktor Otto Magnus. Ein klarer, rebellisch stürmischer Märztag neigt sich fast seinem Ende. Der heftige Wind hat sich beinahe völlig gelegt, nur in den hohen, kahlen Baumkronen scheint er noch herumzuspielen. In den lichtgrün überhauchten Feldern will sich schon allerlei regen, und aus den schwarzen Äckern quillt Werdeduft und Atem der Erde. Wie in heiliger Erwartung, überwölbt vom festlich blauen Himmel, streckt und reckt sie sich noch wie in zager Angst und halben Wehen.

Im Antlitz des an der Terrassenbrüstung lehnenden Mannes zuckt es wie Wetterleuchten. Die Spuren seelischer Bewegung sind darin noch deutlich verzeichnet und die Augen gerötet. Und: »Echte Mannestränen, aus welchem Quell sie auch kommen mögen, brennen stets wie helles Feuer,« hatte Großchen immer gesagt. Der Rechtsanwalt kann sich nicht mehr so recht erinnern, wann er wohl zuletzt geweint haben mag. Aber lange, lange ist das her. … #ErsteSätze


Robert von Bayer: Der heimliche Gast. Erzählung.

»Lassen Sie nur, Liese; ich werde ohne Mühe schon allein fertig.«

So ganz ohne Mühe geschah es aber doch nicht, denn die schlanke Dame, welche lieber sich selbst helfen als den Beistand der Dienerin annehmen wollte, mußte sich auf die äußersten Fußspitzen erheben und sich weit über den runden Eßtisch vorneigen, um die Majolikaschale in dessen Mitte zu setzen. Die Blumen und Gräser, von den schönen Händen geordnet, schmückten nun die festlich gedeckte Tafel, die zierliche Gestalt richtete sich wieder auf und ein rascher Griff brachte ein zur Seite geschobnes Glas zurück in symmetrische Reihe.

»Sie haben doch Christinen gesagt …« fuhr die Herrin, während sie die durch die frühere Berührung zerknitterte Damastserviette von neuem zum kunstvollen Aufbau formte, in ihren Unterweisungen fort, … #ErsteSätze


Jenny Blicher-Clausen: Onkel Franz. Roman.

Es war an einem Abend vor dem Konzertsaal in Klampenborg – an einem ganz windstillen Juniabend. Die Boote glitten auf dem Sund vorüber, und weiter draußen konnte man den Rauch eines Dampfschiffs wahrnehmen.

Ich saß allein auf dem Altan über der Restauration – oder besser gesagt, ich glaubte mich allein – als ich plötzlich eine dunkle weibliche Gestalt an einem der Fenster zum Konzertsaal entdeckte. Sie saß vorgebeugt, die Hände im Schoß und wendete ihr bleiches Gesicht dem erleuchteten Saal zu.

Sie kehrte der lärmenden Menge den Rücken und hörte offenbar den summenden Laut der Stimmen der Leute, die drunten kamen und gingen, gar nicht. Vielleicht hörte sie auch nicht einmal die Musik, die eine Chopinsche Phantasie spielte. Von Zeit zu Zeit zog sie ihren Spitzenshawl über der Brust zusammen, als ob sie friere, aber sie wendete dabei nicht ein einzigesmal den Kopf. … #ErsteSätze


Claire von Glümer: Gesühnt. Novelle.

Der Kurierzug war angekommen; Omnibusse standen bereit, die Aussteigenden nach den Gasthöfen der kleinen Hafenstadt zu bringen; aber es war erst Mitte Mai, der Zuzug nach dem nahegelegenen, vielbesuchten Ostseebade hatte noch nicht begonnen und beinahe leer rasselten die Wagen nach der Stadt zurück.

In einem derselben, der die Aufschrift »Zum goldenen Anker« trug, saßen nur zwei Damen in Trauer. Die ältere, eine zarte Gestalt mit feinem, blassem Gesicht, lehnte sichtlich erschöpft zwischen Plaidbündeln und Reisetaschen, während die jüngere, ein schönes, blondes Mädchen, bald rechts, bald links aus dem Fenster sah. Endlich wendete sie sich zu ihrer Gefährtin und sagte:

»Mütterchen, sieh nur, wie hübsch es hier ist – wie still und freundlich: so recht zum Gesundwerden. Ganz heimisch mußt du dich hier fühlen.«

Die blasse Frau fuhr auf. … #ErsteSätze


Blanda Corony: Wen trifft die Schuld? Roman.

Unruhig schritt der Universitätsprofessor Feldern in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Die weißen wohlgepflegten Hände auf dem Rücken, den interessanten Kopf mit dem vollen, braun gewellten, nur an den Schläfen von einigen Silberfäden durchzogenen Haar tief gesenkt, durchmaß er den weiten Raum, der die Stätte seiner fruchtbaren Geistesthätigkeit bildete, und nur auf einige Sekunden trat er an eines der beiden weitgeöffneten Fenster, um mit einem tiefen Atemzuge die würzige, erfrischende Luft des milden Sommerabends einzusaugen und den Blick über die grünen Wiesen und die goldig schimmernden Felder streifen zu lassen, die unweit des von ihm bewohnten Hauses ihren Anfang nahmen und sich bis zu dem ausgedehnten, etwa eine halbe Stunde entfernt liegenden Laubwalde erstreckten. Aber gleich darauf nahm er seinen Gang durch das Zimmer wieder auf, und die tiefen Falten, die auf seiner breiten Stirn lagen, ließen erkennen, daß nichts von der Ruhe und dem Frieden, die über dem freundlichen Landschaftsbilde schwebten, in seine Seele geflossen war.

Thatsächlich lastete eine schwere Sorge auf dem Gelehrten um das Teuerste, was er auf Erden sein eigen nannte: die Sorge um seine Kinder. Während seiner siebzehnjährigen Ehe hatte der Professor wenig Veranlassung gehabt, in die Erziehung der Kinder einzugreifen. … #Erste Sätze


Franziska von Kapff-Essenther: Mitgiftjäger. Roman.

Ein furchtbarer, donnerähnlicher Knall erschreckte das ganze Goldeggsche Fabriketablissement. Die ungeheure Detonation überdröhnte das Surren der Räder, das Stampfen und Pfauchen der Maschinen. In dem riesengroßen, weit ausgedehnten Anwesen hielt plötzlich Jedermann in seiner Arbeit inne und lauschte ängstlich. Der Betrieb war erst vor wenigen Minuten nach der Frühstückspause wieder aufgenommen worden, und nun stand plötzlich Alles still; es war, als ob eine höhere Gewalt Halt geboten hätte.

Und jetzt bemerkte man, daß dicker Rauch aus dem chemischen Laboratorium drang, welches sich der Chef kürzlich eingerichtet. Er pflegte dort emsig mit Paul Basler, dem chemischen Assistenten, zu arbeiten. Es hieß, sie hätten ein neues Färbeverfahren erfunden. Goldegg hatte sich schon immer besonders für Chemie interessirt und Paul Basler war ein aufstrebendes Talent in diesem Fache.

Zertrümmerte Fensterscheiben und ein klaffender Riß in der noch neuen Außenwand des Gebäudes wiesen auf eine Explosion hin. Ein einziger Schreckensschrei erfüllte den weiten Fabrikhof, und der Diener, der jetzt, selbst halb betäubt, sich durch die windschief gerückte Thür herauszwängte, … #ErsteSätze


Annie Hruschka: Gefreit ohne Liebe. Roman.

»Schach der Königin!« sagte Regierungsrat Forst zu seiner alten Freundin, der verwitweten Frau Gerda Heider, bei der er seit fast vierzig Jahren die Abende verbrachte.

Forst war schon als junger Mann, als man Frau Heider noch die schöne Gerda Hold nannte, täglich in die Villa gekommen, die zur Maschinenfabrik Hold-Heider gehörte.

Die Tochter des Hauses war seine erste und einzige Liebe gewesen; und damals hatte er sich sogar eine Zeitlang in der Hoffnung gewiegt, ihr Herz zu gewinnen.

Aber für Gerda Hold war er immer nur einer von vielen. Als er einmal schüchtern um sie zu werben wagte, schnitt sie ihm mit ihrem reizenden, kühlen Lächeln das Wort ab: »Still, still, mein Lieber, reden Sie keinen Unsinn, sonst müßte ich Ihnen ja einen Korb geben, und das wäre schlimm für mich! Denn wie sollte ich mich ohne meinen getreuen Forst behelfen? Nein, Sie müssen mein Freund bleiben.«

Forst empfand nicht die kalte Selbstsucht, die in ihren Worten lag. Er hörte nur, er solle ihr Freund bleiben, und er blieb es wirklich, auch als sie ein paar Jahre darauf den späteren Teilhaber ihres Vaters, Herrn Heider, geheiratet hatte – ohne Liebe. Denn eines solchen Gefühls war Gerda nur für sich selbst fähig. … #ErsteSätze


Anatole France: Das Hemd eines Glücklichen. Novelle.

Christoph V. war kein schlechter König. Er beobachtete genau die Vorschriften der parlamentarischen Verfassung und fügte sich stets dem Willen der Kammern. Diese Unterordnung wurde ihm nicht schwer; denn er hatte gemerkt, daß es wohl mehrere Arten gibt, zur Macht zu gelangen, aber nicht zwei, sich in der Macht zu erhalten und als Machthaber zu benehmen. Seine Minister regierten, trotz verschiedener Herkunft, Grundsätze, Ideen und Gesinnungen, alle gleich und wiederholten sich, wenn auch mit gewissen, rein formalen Abweichungen, mit einer beruhigenden Regelmäßigkeit. Und darum nahm er ohne Zögern alle, die ihm die Kammern vorschlugen, zu den Staatsgeschäften, am liebsten freilich die Revolutionäre, weil diese ihre Autorität am hitzigsten durchsetzten.

Er selber befaßte sich vor allem mit der Außenpolitik, ging häufig auf diplomatische Reisen, dinierte und jagte mit den Königen, seinen Vettern, und rühmte sich, der beste Minister des Auswärtigen zu sein, der sich träumen lasse. … #ErsteSätze


Matthias Blank: Die Krone seines Lebens. Roman.

In weißlich flimmerndem Lichte lag der große, freie Platz der alten, stillen Stadt, von dem aus die steile, holperige Burgstraße zu der Burg und dem alten Dome emporführte. Um diese Nachmittagsstunde ließen sich in den engen, dunstigen Straßen nur wenige sehen, und auch die vielen Fremden, die sonst von überall her kamen, um auf diesem Wege nach der alten Burg mit ihren vielen Erinnerungen und Schönheiten emporzusteigen, mieden den Weg.

Selbst in dem kleinen Garten der Wirtschaft an der Platzecke, der ganz mit Reben umsponnen war, war niemand anwesend, nur eine junge, weiße Katze spielte zwischen den eisernen Stäben des Gitters mit den herabhängenden Reben. … #ErsteSätze


Anatole France: Die Götter dürsten. Roman.

Evarist Gamelin, Maler und Schüler Davids, Bürger des Stadtbezirks Pont-Neuf (vormals Henri IV.), ging frühmorgens nach der einstigen Barnabitenkirche, in der seit drei Jahren – seit dem 21. Mai 1791 – die Generalversammlung dieses Bezirks tagte. Die Kirche ragte auf einem engen, düsteren Platze, nahe dem Gitter des Justizpalastes. Die verwitterte, von Menschenhand verstümmelte Fassade bestand aus zwei antiken Pfeilergeschossen, die mit halb zerstörten Gesimsen und mit Pechpfannen geschmückt waren. Die Wahrzeichen des Glaubens waren roh abgemeißelt, und über dem Portal stand in schwarzen Buchstaben der Wahlspruch der Republik: »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Tod.« Evarist Gamelin trat ein. Unter den Wölbungen des Kirchenschiffs, die einst vom Chorgesang der Bruderschaft St. Pauli widerhallten, saßen jetzt die Patrioten in roter Mütze, um die Stadtverwaltung zu wählen und über die Geschäfte des Bezirks zu beraten. Die Heiligenfiguren waren aus ihren Nischen entfernt und durch Büsten von Brutus, Jean Jacques Rousseau und Le Peltier ersetzt worden. Auf dem seines Schmuckes beraubten Altar stand eine Tafel mit der Verkündigung der Menschenrechte. … #ErsteSätze


Sven Elvestad: Der kleine Blaue. Novelle.

Vor einigen Jahren lag in einer der Straßen in der Nähe des Johannishügels ein kleines zweistöckiges Holzhaus. Das war vor der Zeit der Bauwut. Das Haus ist später niedergerissen worden, um einer der großen Mietskasernen Platz zu machen. Damals standen noch nicht viele Häuser in der Straße, die schlecht gehalten und nur teilweise gepflastert war. Das erwähnte Haus bemerkte man sofort, weil es ein bißchen vorstand, mit rotbrauner Farbe überschmiert war und mitten an der Fassade ein Schild hatte, das ganz jämmerlich in seinen Angeln quiekte, wenn der Wind sich hinein verfing. Auf dem Schild stand:

A. Jonson,
Kolonial- und Fettwarenhandlung.

Es war ein Geschäft, das sich nicht sehr imponierend ausnahm; hinter dem Ladentisch stand eine alternde, dicke Frau. Es war die Witwe von »A. Jonson«, der vor mehreren Jahren gestorben war. Sie führte den kleinen Laden jetzt allein und hatte sich durch Sparsamkeit und Betriebsamkeit so viel zurückgelegt, daß sie das Haus kaufen konnte, in dem sie wohnte. An den Laden stieß eine Wohnung, bestehend aus einem größeren und einem kleineren Zimmer und einer kleinen Küche. … #ErsteSätze


Joseph Roth: Die Kapuzinergruft. Roman.

Wir heißen Trotta. Unser Geschlecht stammt aus Sipolje in Slowenien. Ich sage: Geschlecht; denn wir sind nicht eine Familie. Sipolje besteht nicht mehr, lange nicht mehr. Es bildet heute mit mehreren umliegenden Gemeinden zusammen eine größere Ortschaft. Es ist, wie man weiß, der Wille dieser Zeit. Die Menschen können nicht allein bleiben. Sie schließen sich in sinnlosen Gruppen zusammen, und die Dörfer können auch nicht allein bleiben. Sinnlose Gebilde entstehen also. Die Bauern drängt es zur Stadt, und die Dörfer selbst möchten justament Städte werden.

Ich habe Sipolje noch gekannt, als ich ein Knabe war. Mein Vater hatte mich einmal dorthin mitgenommen, an einem siebzehnten August, dem Vorabend jenes Tages, an dem in allen, auch in den kleinsten Ortschaften der Monarchie der Geburtstag Kaiser Franz Josephs des Ersten gefeiert wurde.

Im heutigen Österreich und in den früheren Kronländern wird es nur noch wenige Menschen geben, in denen der Name unseres Geschlechts irgendeine Erinnerung hervorruft. In den verschollenen Annalen der alten österreichisch-ungarischen Armee aber ist unser Name verzeichnet, und ich gestehe, daß ich stolz darauf bin, gerade deshalb, weil diese Annalen verschollen sind. … #ErsteSätze


Selma Lagerlöf: Der Fuhrmann des Todes. Erzählung.

Eine arme junge Heilsarmeeschwester lag im Sterben.

Ihre Tätigkeit hatte sie in die »slums«, die verrufenen Viertel der Stadt, geführt; dann hatte sie die galoppierende Schwindsucht bekommen, und jetzt nach einem Jahre ging es zu Ende. Solange wie irgend möglich war sie ihren gewohnten Pflichten nachgekommen, und als alle ihre Kräfte aufgebraucht waren, schickte man sie in ein Sanatorium. Dort hatte sie einige Monate gelegen und war gut gepflegt worden; aber es wurde nicht besser mit ihr, und als sie schließlich begriff, wie hoffnungslos krank sie war, verlangte sie nach Hause zu ihrer Mutter, die in einer der Vorstädte in einem eigenen Häuschen wohnte. Nun lag sie da in ihrem Stübchen, demselben Stübchen, das sie als Kind und als ganz junges Mädchen bewohnt hatte, und wartete auf den Tod.

Angstvoll und tiefbetrübt saß die Mutter an ihrem Bett; aber sie ging in all der Pflege, deren die Tochter bedurfte, so vollständig auf, daß sie keine Ruhe zum Weinen fand.

Eine andere Heilsarmeeschwester, die Arbeitsgefährtin der Kranken, stand am Fußende des Bettes und weinte ganz leise vor sich hin. … #ErsteSätze


Emily Brontë: Wuthering Heights. Sturmhöhe. Roman.

1801. – Ich bin soeben von einem Besuch bei meinem Hauswirt zurückgekehrt – dem einsamen und einzigen Nachbarn, mit dem ich zu tun haben werde. Wirklich, dies ist ein prächtiges Land! In ganz England, glaube ich, hätte ich keine andere Gegend gefunden, die so völlig dem Getriebe der Geselligkeit entrückt ist. Für den Misanthropen ein wahres Eden! Und Mr. Heathcliff und ich sind so recht ein passendes Paar, diese Einsamkeit miteinander zu teilen. Ein kapitaler Kerl! Wie argwöhnisch er die schwarzen Augen zusammenkniff, als ich bei ihm vorgeritten kam, und wie mißtrauisch er die Hände tiefer in die Jackentaschen bohrte, als ich meinen Namen nannte! Das gewann ihm gleich mein Herz, wovon er freilich nichts ahnen mochte.

»Mr. Heathcliff?« fragte ich.

Er nickte.

»Mr. Lockwood, Ihr neuer Mieter«, stellte ich mich vor. »Ich gebe mir die Ehre, mein Herr, Sie sobald als möglich nach meiner Ankunft aufzusuchen, um die Hoffnung auszusprechen, daß ich Sie in meinem beharrlichen Bemühen, Drosselkreuzhof als Wohnsitz zu erlangen, nicht etwa belästigt habe; ich hörte gestern, Sie hätten daran gedacht –« … #ErsteSätze


Elisabeth Bürstenbinder: Siegwart. Roman.

Von der sonnigen Höhe kamen zwei Bergwanderer, den Rucksack über der Schulter, den Bergstock in der Hand, und die Ausrüstung des Führers, der mit Seil und Pickel folgte, zeigte, daß sie von einer Hochtour kamen. Jetzt schritten sie über eine grüne Alpenwiese, wo der Weg sich bequem abwärts senkte, und machten halt.

»Dort geht es nach der Grasecker Alm hinunter,« sagte der Ältere. »Du willst ja doch nicht mit zum Wildsee.«

»Ein Umweg von mehr als zwei Stunden – nein, ich danke,« versetzte der andere. »Ich habe heut genug geleistet. Seit vier Uhr morgens da oben in den Gletschern und Eisklüften! Ich kann doch sonst etwas aushalten, und im Dienst werden wir auch nicht geschont, aber mit deiner Riesennatur halte ich nicht Schritt, Hermann, die ist unverwüstlich.«

»Ich bin nur ausdauernder als du,« entgegnete Hermann. »Also du nimmst den direkten Weg über die Grasecker Alm? Ich steige durch das Enstal ab. Es soll sehr schön sein.« … #ErsteSätze


Edgar Wallace: Der viereckige Smaragd. Roman.

An einem traurigen Februarnachmittag zog Lady Raytham die langen Samtvorhänge zur Seite und schaute auf Berkeley Square hinunter. Die Turmuhr schlug halb fünf. Es regnete und schneite durcheinander, und ein leichter, gelber Nebel verstärkte noch den düsteren Eindruck des sinkenden Tages. Eine ununterbrochene Reihe von Autos bog nach Berkeley Street ein, die glatten, schwarzen Dächer spiegelten den Schein der Straßenbeleuchtung wider, die eben aufflammte.

Lady Raythams geistesabwesende Blicke streiften über die trostlos und verlassen daliegenden Gärten, in denen kahle Bäume ihre Äste traurig gen Himmel reckten und entlaubte Sträucher sich unruhig im Winde hin und her bewegten. Sie starrte hinab, als ob sie fürchtete, der gespenstische Nebel könne bestimmte Gestalt und Form annehmen und gleichsam die Schatten verkörpern, die das Leben bedrohen.

Sie war achtundzwanzig Jahre alt, schlank und hochgewachsen und besaß jene klassische Schönheit, die den Alterserscheinungen lange Zeit trotzt. Ihr Gesicht faszinierte durch seine Ruhe und Herbheit, ihre Augen zeigten das kalte Grau, das man so häufig in England findet. … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Der Schatten der Vergangenheit. Novelle.

In einem Garten, dicht am Rhein, saßen zwei Frauen: Mutter und Tochter. Es war buntes Blühen um sie her; das grelle Gelb des Goldregens, das zarte Blau rankender Glycinen, der blasse Purpur des Rothdorns und das Violett des spät ausgeschlagenen Flieders vereinten sich zu einem Farbenspiel, wie nur die Natur es hervorbringt; und durch die Luft zog jener süße Wohlgeruch, der den Maitagen noch in der Erinnerung ihren unvergleichlichen Reiz verleiht.

Frau Therese Link hob die Augen von der Zeitung, in welcher sie gelesen hatte.

»Die Luftschifffahrt macht wirklich bedeutende Fortschritte,« sagte sie. »Ich bin neugierig, ob wir es noch erleben, daß man fliegen kann.«

Ihre Tochter hatte seit geraumer Zeit die Handarbeit in den Schoß sinken lassen und einem der großen Dampfer nachgeblickt, der vor ihnen rheinabwärts vorüberrauschte. … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Unterwegs. Novelle.

Mit einem Seufzer der Befreiung, mit einem wahren Glücksausdruck in den lustigen braunen Augen betrat die junge Gouvernante ihr Zimmer. Ihre Zöglinge schliefen. Nun, endlich, konnte niemand mehr von ihr Geduld und Aufmerksamkeit fordern. In diesen köstlichen Abendstunden gehörte sie sich selbst.

Sie lehnte sich zum Fenster hinaus. An dem Sommerhimmel war noch letzte, verdämmernde Helle. Sie konnte ein Stückchen vom Rhein sehen, der hier träge zwischen den flachen Ufern dahinfließt. Immer, wenn sie diese eintönige Landschaft betrachtete, packte sie das Heimweh nach München, nach der frischen Bergluft, die an Abenden über die Hochebene hinstrich. Sie dachte an das kleine Vorstadtgärten, wo nun wohl die Familie beisammen saß, der Vater seine Pfeife rauchte, die Mutter strickte, und die jüngeren Geschwister sich an den Stachelbeerstauden herumtrieben.

Mitten in der Üppigkeit des reichen Kaufherrnhauses, in dem sie nun wohnte, bekam sie Sehnsucht nach jener Einfachheit, … #ErsteSätze


Paul und Victor Margueritte: Zwei Frauenleben. Roman.

Charlie de Bréars war erwacht. Nicht in seinem einfachen Junggesellenheim in dem altersgrauen Hause zu Versailles, sondern im Schlosse Bouvières.
Nach dem allzu üppigen

Champagnersouper hatte er in dem fürsorglich überheizten Zimmer, in einem breiten weichen Bett, schlecht geschlafen. Gewiß, seine guten Vettern verstanden es, sich das Leben bequem zu machen!

Er drehte das Licht auf und musterte das Zimmer: Ein Kamin, in dem man ganze Bäume verheizen konnte, tiefe Fauteuils, schwere Teppiche und ein Toiletteraum mit luxuriösem Bad und allerlei Duschen. Der ganze übertriebene Komfort der Einrichtung widerstrebte seinem einfachen, fast puritanischen Geschmack. Denn, obwohl Charlie de Bréars in der großen Welt lebte und zu ihr gehörte, zeichnete ihn ein Ernst der Lebensauffassung aus, der seiner Jugend kaum entsprach. Er führte ein nüchternes, reines, tätiges Leben, arbeitete an seiner Bildung und ging in seinem Beruf als Offizier auf. … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Fräulein Karoline. Novelle.

Es war zuletzt recht heiß geworden auf der nur von Weidengebüsch umwachsenen Landstraße, die sich am Flusse hinzog, und Walter Lange hatte schon einen tüchtigen Morgenmarsch hinter sich. Aber nun hatte er ja vorläufig sein Ziel erreicht. Da lagen im hellen Sonnenschein die stattlichen Baulichkeiten des Schloßgutes, das er, da ihn seine Fußwanderung vorüber führte, besichtigen wollte, wenn die Empfehlung an den Verwalter, welche ihm ein Freund mitgegeben hatte, ihm wirklich Einlaß verschaffte. Im Moment lockte ihn freilich der frischgemähte Wiesenfleck unter einem prächtigen Ahorn viel mehr, als die berühmte Musterwirtschaft Hohenstein, die der grünumwachsene Zaun umschloß.

Das Ränzel abwerfen, sich im Gras ausstrecken — war das köstlich! Ruhe — Schatten — eine Cigarre!

Durch die weitverzweigten Äste schimmerte der blaue Himmel herein; hier und da kam ein Wölkchen Duft von Rosen und Reseden. … #ErsteSätze


Helene Böhlau: Isebies. Roman.

Kennt ihr das Erschauern in einsamer Abendstunde, im stillen, lampenerhellten Zimmer? Der Regen fällt, der Wind weht, die Seele ist nicht kräftig wie in sonnendurchleuchteter Mittagsstunde. Schatten sind über sie gefallen. Ihr kennt die Wehmut dieser Stunden, die Sehnsucht dieser Stunden, die herzzerreißende Sehnsucht nach Vergangenheiten, das Rückwärtsschauen, das Rückwärtsleben – und das stille Bangen vor der Zukunft.

Die Vergangenheit hebt ihr Haupt und lächelt euch zu, wie nur die Vergangenheit lächeln kann. Ihr sehnt euch nach Tränen; aber dieses Lächeln wehrt jeder Träne, denn es ist schmerzlicher wie alle Tränen der Erde. Es ist ein Lächeln, das jeder Lebendige kennen lernt, – an das er sich nie gewöhnt, das ihn immer von neuem das Herz beengt. Er weiß nicht, wie er sich dagegen wehren soll. – Dies erstorbene Lächeln tut unsagbar weh; es zu schauen, zu empfinden ist eine der größten Seelenpeinen dieser schweren, dunkeln, geheimnisvollen Erde, auf der wir wohnen müssen. – Die fröhlichsten, seligsten Dinge sind zu den wehesten geworden. – Große vergangene Schmerzen aber legen ihre frommen Hände segnend auf das müde Herz. … #ErsteSätze


Berta Katscher: Der Steinwurf. Erzählung.

»Piroska, spute dich und spar’ dir das Träumen für eine gelegenere Zeit auf! Man sollte wirklich meinen, daß du den Sonnenuntergang zum erstenmal in deinem Leben siehst! Wie albern doch alle Frauenzimmer sind!«

Die schmucke Bauerndirne, an welche diese nicht gerade höflichen Worte gerichtet waren, stand, an ihren Rechen gelehnt, mitten auf einer großen Wiese und blickte träumerisch nach dem hinter den Bergen versinkenden glutroten Ball. Sie schien die Bemerkung des ungeschlachten Burschen, der wenige Schritte von ihr entfernt das Heu umwandte, gar nicht gehört zu haben, denn sie änderte ihre Stellung nicht im geringsten.

»Ich möchte wissen, wie lange du noch starr wie ein angemaltes Bild da stehen wirst, statt nach deiner Arbeit zu sehen, wie es sich gehört. Du gibst den Taglöhnern ein nettes Beispiel, das muß ich sagen!« … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Eine Lüge. Novelle.

Ein Fremder hatte sich den Eintritt in die Säle des kunsthistorischen Museums zu D. an einem Tage verschafft, an welchem dieselben sonst dem Publikum nicht zugänglich waren. So schritt er allein durch die hohen, ernsten Räume; der Aufseher folgte in bescheidener Entfernung.

Der Fremde mochte dem Schnitt seiner Kleider und seiner ganzen Erscheinung nach für einen Engländer gehalten werden, aber seine Haltung zeigte keineswegs die für den reisenden Briten sprichwörtlich gewordene Kälte und Blasiertheit; in scheuer Ehrfurcht, fast andächtig wie in einer Kirche, blickte er auf die hohen, marmornen Götterbilder, und seine harten, wettergebräunten Züge verrieten den mächtigen Eindruck, … #ErsteSätze


Maria Janitschek: Eine Liebesnacht. Roman.

Hermias stand noch immer an der Türe.

Da Severus keine Miene machte, ihn herein zu rufen, sagte er bescheiden: »Du hast mich kommen heißen, Herr! Wenn du aber jetzt, nach dem Bad, müde bist, so will ich später vorsprechen.«

Severus öffnete träge die Lider.

»Braucht der Troß draußen zu hören, was hier verhandelt wird?« . . . . .

Hermias hagere Gestalt schob sich näher. Seine Tunika war nicht besonders rein, und er bog die Hände zu Fäusten zusammen, um die unsaubern Fingernägel zu verbergen.

»Ich war in den Gärten. Habʼ Umschau gehalten. Den Kirschen ist, wie Lucius im Frühjahr berichtet hat, von den Sperlingen viel Unbill geschehen, desto reicher ist die Ernte des andern Obstes. Die Äpfel- und Birnbäume waren schwer mit Früchten beladen. Bereits habe ich Kammern und Keller voll, und noch ist die Hälfte —« … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Aus Mitleid. Novelle.

Regierungsrat Forstner ging an diesem Nachmittage einen ganz ungewöhnlichen Weg nach der Vorstadt im Nordosten Münchens. Es war ein seltenes Ereignis, wenn er einmal seine gleichmäßige Stundeneinteilung änderte. Sonst begab er sich mit solcher Pünktlichkeit ins Bureau, machte so genau zur selben Zeit seinen Nachtisch-Spaziergang durch den Hofgarten und die Maximilianstraße, daß man nach seinem täglichen Erscheinen die Uhr hätte richten können. Er war etwa vierzigjährig, ein mittelgroßer, etwas zur Körperfülle neigender Mann, mit einem gutmütigen Ausdruck des vollen brünetten Gesichtes und einem kindlich treuherzigen Blick aus braunen frischglänzenden Augen.

Sein Vorgesetzter, der Justizminister, hielt große Stücke auf den Regierungsrat und nannte ihn seine rechte Hand. Forstner besaß auch einen Arbeitseifer und eine Pflichttreue, in denen es ihm nicht leicht ein anderer gleich that. Sein Amt bedeutete für ihn den Inhalt seines Daseins; es mußte ihm Weib und Kind und Gesellschaft ersetzen, er kannte nichts anderes als seinen Beruf. … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Die ersehnte Stunde. Novelle.

Auf einer Bank am Schluchtenweg, ganz nahe bei dem Kärntner Dörfchen Mallnitz, saß ein junges Mädchen völlig versunken in einen Brief. Es stand im Grunde nicht viel auf dem Blatt, das sie in der Hand hielt. Allerdings, der gelbe Bogen war voll geschrieben, aber mit so großen Buchstaben, in so mächtigen Zügen, daß sich rasch eine Seite füllte. Sie aber konnte immer wieder, wenn sie zum Schlusse gekommen war und eine Weile lächelnd vor sich hin geträumt hatte, bei den ersten Worten von vorne anfangen: »Meine liebe, schöne Heddy!«

Es war wunderbar kühl in dem stillen Winkel, in dem sie ihren Brief genoß. Nur über die hohen Tannen sah man den heißen Sommerhimmel hereinblinzeln. Um sie her wildes Felsgewirr, von feuchtem Moos, üppigen Farnbüscheln und großen Huflattichblättern überwuchert; aufeinander getürmte Steinbrocken, zwischen denen noch da und dort ein Fichtenbäumchen aufsproßte, aber auch manch alter, niedergestürzte Baum vermoderte. Mit rasender Wucht schoß der Bergbach talabwärts, in gischtschäumenden Fällen über die Steinblöcke weg, … #ErsteSätze


Jakob Wassermann: Etzel Andergast. Roman.

Obschon ich mir bewußt bin, daß die im folgenden erzählten Vorgänge nichts von einer weltbewegenden Katastrophe an sich haben, bin ich doch der Meinung, daß sie beträchtlich in das Leben der Epoche eingreifen; vielleicht stellen sie sogar einen wichtigen Teil jenes Verlaufs dar, den man die innere Geschichte der Menschheit nennen könnte, ein im ganzen genommen wenig erforschter Bezirk. Und wenn die Ereignisse den stürmischen Gang vermissen lassen, der einen solchen Anspruch in den Augen der meisten erst zu rechtfertigen vermag, so ist es möglicherweise die Tiefe, in die sie hinabreichen, wodurch sie den Mangel ausgleichen. Es gibt auch im privatesten Dasein keine Veränderung, die nicht von den größten Wirkungen begleitet sein könnte. Unter Umständen ist es die Minierarbeit einer Kolonie von Mäusen, die einen Berg zum Einsturz bringt.

Der Kreis, den ich zu umschreiben habe, bedeckt eine so ungeheure Fläche, und die Personen, deren Geschicke sich innerhalb seiner Peripherie erfüllen, sind so verschiedenartig und vielschichtig, daß ich schlechterdings daran verzweifle, im einzelnen zu Bild und Figur zu gelangen. Der Kreis, den ich zu umschreiben habe, bedeckt eine so ungeheure Fläche, und die Personen, deren Geschicke sich innerhalb seiner Peripherie erfüllen, sind so verschiedenartig und vielschichtig, daß ich schlechterdings daran verzweifle, im einzelnen zu Bild und Figur zu gelangen. … #ErsteSätze


Frank Heller: Herrn Collins Abenteuer. Roman.

Wie ist einem Verbrecher am nächsten Tage zumute? –

Das steht in mehr als tausend Büchern beschrieben. Hätten Sie Philipp Collin gefragt, er würde gesagt haben: Genau wie sonst.

Im Jahre 1906, in dem diese Erzählung beginnt, war Philipp Collin ein schwarzhaariger, mittelgroßer Herr, mit klugen schwarzen Augen, einem kleinen verwegenen Schnurrbart und einem gewinnenden Aussehen. Außerdem war er ein Verbrecher, denn es gab nicht weniger als vier oder fünf Paragraphen im schwedischen Reichsgesetz, die ihn nötigten, jede Begegnung mit den Repräsentanten dieser Gesetze zu vermeiden. Was seine Stellung noch unbehaglicher machte, war, daß auch diverse Stellen des dänischen Gesetzbuches genau auf seine Lage paßten.

Philipp Collin war also ein Verbrecher, nachdem er vorher Jurist gewesen war. Wie war dies zustande gekommen? Das ist eine Frage, die er vermutlich kaum selber hätte beantworten können. … #ErsteSätze


Joseph Conrad: Das Herz der Finsternis. Roman.

Die Nelly, eine seetüchtige Jolle, schwoite an ihrem Anker ohne die leiseste Regung in den Segeln und hielt Rast. Die Flut hatte begonnen, es war fast völlig windstill, und da wir stromabwärts wollten, so hatten wir weiter nichts zu tun, als liegenzubleiben, und das Kentern des Stromes abzuwarten.

Die Themsemündung dehnte sich vor uns wie der Anfang einer ungeheuren Wasserstraße. Draußen waren die See und der Himmel fugenlos zusammengeschweißt, und in dem leuchtenden Raum schienen die gegerbten Segel der Leichter, die mit der Flut herauftrieben, reglos still zu stehen, als scharf umrissene rote Leinwandstücke, vom Lackglanz der Spriete gehöht. Ein leichter Dunst lagerte über den niedrigen Ufern, die gegen die See zu ganz flach verliefen. Die Luft über Gravesend war dunkel und schien noch weiter zurück zu einer finsteren Wolke verdüstert, die unbeweglich über der größten Stadt der Erde lagerte.

Der Direktor der Handelsgesellschaft war unser Schiffer und Gastgeber. Wir vier betrachteten wohlwollend seinen Rücken, während er im Bug stand und seewärts Ausschau hielt. Auf dem ganzen Strom war sicher nichts zu finden, das halb so seemännisch ausgesehen hätte. Er erinnerte an einen Lotsen, … #ErsteSätze


Felix Salten: Der alte Narr. Novellen.

»… ich habe in meinem ganzen Leben kein Glück gehabt …«

Während der Bittsteller diese Worte aussprach, blinzelte der Minister, denn er mußte jedesmal blinzeln, so oft vor seinen Augen eine Ungeschicklichkeit geschah. Ein kleiner Widerstand begann sich heftig in ihm zu regen. Habe ich vielleicht Glück gehabt? dachte er. Sind wir denn in einem Hasardspiel, wo jeder Dummkopf gewinnen kann? Er wendete den Kopf, sah in eine entfernte Ecke des Zimmers und dachte: dieser Mensch wird jetzt lauter Dinge sagen, mit denen er sich schadet.

Der Bittsteller neigte sich ein wenig über den Schreibtisch des Ministers. Die weite Fläche dieses Schreibtisches lag vor ihm da wie ein Panorama; breitete sich vor ihm aus wie ein wohlgeordnetes, prunkvolles Reich. Er empfand eine heiße Sehnsucht und sagte mit klagender, Einlaß begehrender Stimme: »… es hat mir auch immer an Protektion gefehlt … ja …«

Der Minister blinzelte. Das war ein falscher Ton. Er seufzte leise. Wieder einer, dachte er, dem es nicht einfällt, daß man sein Leben selber in beide Hände nehmen und vorwärts tragen muß. … #ErsteSätze


Margarete Boie: Der Sylter Hahn. Roman.

Es muß in den zwanziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts gewesen sein, als in einer stürmischen Herbstnacht eine holländische Kuff auf den Rantumer Strand lief. Die Nacht war schwerdunkel, und die Männer, die den Strand nach antreibendem Gut abliefen, hatten noch kaum das Wrack ausmachen können, ehe der trübe Tag anbrach. Der Himmel lastete tief über der rollenden See; grau und schwarz waren die einzigen Töne, die Unterscheidungsmerkmale im dämmernden Tage schufen. Dunkelgrau wälzten sich die Wassermassen von See und Himmel durcheinander. Dazwischen stach ein schwarzer Mast in den dampfenden Strudel, und auch der Schiffsrumpf, der kaum hundert Schritt hinter der ersten Brandungslinie lag, wirkte schwarz wie ein Höllentor. Schon hatten die Wellen alles bewegliche Schiffsgut davon abgeschwemmt, und die Männer wateten in der auslaufenden Brandung umher, um die rollenden Fässer und schwimmenden Bretter mit Bootshaken aufs Trockene zu ziehen, als ein neuer gewaltiger Brecher den Schiffsrumpf knallend bersten machte. Nun erst ergoß sich der Segen des Meeres recht auf den Strand … #ErsteSätze


Romain Rolland: Clérambault. Roman.

Agénor Clérambault saß im Schatten der Laube seines Gartens von Saint-Prix und las seiner Frau und den Kindern seine neue Ode vor, die Ode Ara Pacis Augustae, die er zu Ehren des Friedens über den Menschen und Dingen geschrieben hatte und in der er die nahe Erfüllung der Weltbrüderlichkeit verkünden wollte.

Es war ein Juliabend. Auf den Gipfeln der Bäume lag letzter rötlicher Schein, und durch den leuchtenden Dunst, der wie ein Schleier über die Hügelhänge, die grauen Ebenen und die Ferne geworfen war, flammten die Fensterscheiben von Montmartre als goldene Funken. Die Abendmahlzeit war eben zu Ende. Clérambault, auf den noch nicht abgeräumten Tisch gestützt, ließ im Sprechen seinen Blick voll naiver Freude von einem zum anderen seiner drei Zuhörer hinwandern, denn er war sicher, bei ihnen einen Widerglanz seiner Zufriedenheit zu finden.

Seine Frau Pauline hatte einige Mühe, dem Flug seiner dichterischen Bilder zu folgen: Vorlesen ließ sie immer unaufhaltsam vom dritten Satze an in einen Zustand von träumerischer Schläfrigkeit versinken, … #ErsteSätze


Auguste de Villiers de L’Isle-Adam: Das zweite Gesicht und andere Novellen. Novellen.

An einem Winterabend, als wir, vor einem starken Kaminfeuer sitzend, bei einem unserer Freunde Tee tranken, kam die Unterhaltung auf einen der dunkelsten Gegenstände: das Wesen jener außerordentlichen, verblüffenden, geheimnisvollen Vorahnungen, die in das Leben mancher Menschen eingreifen.

»Folgende Geschichte,« sagte mein Freund, der Baron Xavier de la V…, ein blasser, junger Mann, der durch lange militärische Strapazen in Afrika zerrüttete Nerven und eine ungewöhnliche Menschenscheu bekommen hatte, »folgende Geschichte will ich ohne jeden Kommentar erzählen. Sie ist wahr.«

Wir zündeten uns Zigaretten an und lauschten seinem Bericht. … #ErsteSätze


Marguerite Audoux: Marie-Claire. Roman.

Eines Tages kamen viele Leute zu uns. Die Männer traten ein wie in eine Kirche, und die Frauen bekreuzigten sich, wenn sie wieder weggingen.

Ich schlich mich in das Zimmer meiner Eltern und war sehr erstaunt, neben dem Bett meiner Mutter eine große brennende Kerze zu sehen. Mein Vater beugte sich über das Fußende des Bettes, um meine Mutter zu betrachten, die mit über der Brust gefalteten Händen schlief.

Unsere Nachbarin, Mutter Colas, behielt uns den ganzen Tag bei sich. Zu allen Frauen, die unsere Wohnung wieder verließen, sagte sie: »Sie wissen ja, sie wollte ihre Kinder nicht küssen.« … #ErsteSätze


Elise Orzeszkowa: Der Australier. Roman.

Roman Darnowski, ein junger im Staatsdienste stehender Beamter, gehörte zu der Kategorie von Leuten, die, trotzdem ihnen alles nach Wunsch geht, sich niemals zufrieden fühlen. Die Natur hatte ihn recht freigebig bedacht; die äußeren Umstände seines Lebens, anfänglich nicht günstig, hatten bald eine andere Wendung genommen. In keiner Hinsicht ein Phänomen, besaß er indessen gute Fähigkeiten, die es ihm ermöglichten, die Universitätsstudien glänzend zu absolviren und ein angenehmes Aeußeres, dem er seine bedeutenden gesellschaftlichen Erfolge verdankte.

Vor zehn Jahren war er in die große Stadt gekommen und hatte in diesem Walde sofort einen Baum gefunden, der ihm Schutz vor Sturm und Ungewitter gewährte. Es war dies das Haus seiner Verwandten, die vor Jahren ein bescheidenes und fast armes, junges Mädchen, gegenwärtig die reiche Frau Baronin Lamoni war. … #ErsteSätze


Fjodor Dostojewski: Die Sanfte. Novelle.

Solange sie hier liegt, ist noch alles gut: ich trete jeden Augenblick hinzu und sehe sie an; morgen wird man sie forttragen – wie werde ich dann allein bleiben können? Sie liegt jetzt im Gastzimmer auf dem Tisch; man hat zwei Kartentische zusammengeschoben; den Sarg wird man erst morgen bringen, einen weißen, mit weißem Gros de Naples ausgeschlagenen Sarg; eigentlich wollte ich gar nicht davon sprechen … Ich gehe immer auf und ab und will mir über alles klar werden. Seit sechs Stunden gebe ich mir die größte Mühe, kann aber noch unmöglich meine Gedanken sammeln. Die Sache ist nämlich die, daß ich immer auf und ab gehe, immer auf und ab … Die Sache war so … Ich werde alles ordentlich der Reihe nach erzählen. (Ja, die Ordnung!) Meine Herren, ich bin ja gar kein Literat, Sie sehen es ja selbst. Das ist ja auch ganz gleich; ich will einfach so erzählen, wie ich es eben verstehe. Das ist ja gerade so entsetzlich, daß ich alles verstehe! … #ErsteSätze


Margarete Boie: Dammbau. Roman.

Dem Fremden, der nach Morsum auf Sylt kommt, fällt zunächst die Bedeutungslosigkeit dieses im Wasser schwimmenden Scheibchens Erde gegenüber der unendlichen Weite des Himmels auf. Danach, daß man hier kaum von einer hohen Himmelswölbung, einer Himmelskuppel sprechen kann. Sondern an den meisten Tagen des Jahres liegen schwere Wolken tief und flach auf den dunklen Rohrdächern der niedrigen Insulanerhäuser.

So sah diese Landschaft auch jener Fremde, der in den ersten herben Vorfrühlingstagen des Jahres 1922 die breite Dorfstraße von der Kirche zum Pfarrhaus hinaufschritt, sah, wie auch das Pfarrhaus selbst mit seinen sturmzerzausten Sträuchern sich unterm grauen Himmel duckte, während der alte Birnbaum, der östlich neben ihm sich aufreckte, in der Höhe des Dachfirstes schnurgerade abgenagt erschien. »Mag hier viel Wind geben«, dachte der Fremde, indem er den schmalen Gartenpfad entlang auf die offenstehende Haustür zuschritt. … #ErsteSätze


Herman Melville: Moby Dick. Roman.

Als ich vor einigen Jahren – wie lange es genau her ist, tut wenig zur Sache – so gut wie nichts in der Tasche hatte und von einem weiteren Aufenthalt auf dem Lande nichts mehr wissen wollte, kam ich auf den Gedanken, ein wenig zur See zu fahren, um die Welt des Meeres kennenzulernen. Man verliert auf diese Weise seinen verrückten Spleen, und dann ist es auch gut für die Blutzirkulation. Wenn man den scheußlichen Geschmack auf der Zunge nicht loswerden kann; wenn man das Frostgefühl eines feuchten und kalten Novembers auf der Seele hat; wenn man unwillkürlich vor jedem Sargmagazin stehenbleibt und jedem Leichenzug nachsieht, wenn man sich der Schwermut nicht mehr erwehren kann, daß man auf die Straße stürzen und vorsätzlich den Leuten den Hut vom Kopfe schlagen müßte, dann ist es allerhöchste Zeit, auf See zu gehen. Das ist für mich Ersatz für Pistole und Kugel.
Cato stürzte sich mit einer philosophischen Geste in sein Schwert. Ich entscheide mich in aller Ruhe für das Schiff. Das ist durchaus nichts Besonderes! Wenn sie es wüßten, so würden mit der Zeit mehr oder weniger alle dem Ozean mit denselben Gefühlen begegnen wie ich. … #ErsteSätze


Jack London: Nordlandgeschichten. Erzählungen.

Elf Tage lang war er der Fährte seines fliehenden Volkes gefolgt, und diese Verfolgung war selbst nichts anderes als eine Flucht gewesen. Denn hinter ihm kamen – das wußte er mit Sicherheit – die gefürchteten Russen. Sie schleppten sich mühselig durch das sumpfige Tiefland und über die schroffen Wasserscheiden und wurden nur von einem Gedanken geleitet: sein ganzes Volk zu vernichten. Er führte nur eine ganz leichte Ausrüstung mit sich. Ein Schlafsack aus Kaninchenfell, ein Vorderlader und einige Pfund an der Sonne gedörrter Lachs machten sein ganzes Gepäck aus. Er hätte sich über die Schnelligkeit gewundert, mit der ein ganzer Stamm – mit Frauen und Kindern und Greisen – wanderte, hätte er nicht gewußt, daß es der Schrecken war, der sie vorwärts trieb.

Es war in den alten Tagen, als Alaska noch russisch war. Das 19. Jahrhundert hatte seine erste Hälfte zurückgelegt, als Negore dem fliehenden Stamme folgte. In einer Sommernacht holte er ihn bei den Quellen des Peelat ein. … #ErsteSätze


Theodor Fontane: Cécile. Roman.

»Thale. Zweiter…«

»Letzter Wagen, mein Herr.«

Der ältere Herr, ein starker Fünfziger, an den sich dieser Bescheid gerichtet hatte, reichte seiner Dame den Arm und ging in langsamem Tempo, wie man eine Rekonvaleszentin führt, bis an das Ende des Zuges. Richtig, »Nach Thale« stand hier auf einer ausgehängten Tafel.

Es war einer von den neuen Waggons mit Treppenaufgang, und der mit besonderer Adrettheit gekleidete Herr: blauer Überrock, helles Beinkleid und Korallentuchnadel, wandte sich, als er das Waggontreppchen hinauf war, wieder um, um seiner Dame beim Einsteigen behülflich zu sein. Die Compartiments waren noch leer, und so hatte man denn die Wahl, aber freilich auch die Qual, und mehr als eine Minute verging, ehe die schlanke, schwarzgekleidete Dame sich schlüssig gemacht und einen ihr zusagenden Platz gefunden hatte. Von ähnlicher Unruhe war der sie begleitende Herr, dessen Auf- und Abschreiten jedoch, allem Anscheine nach, mit der Platzfrage nichts zu schaffen hatte, wenigstens sah er, das Fenster mehrfach öffnend und schließend, immer wieder den Perron hinunter, wie wenn er jemand erwarte. … #ErsteSätze


Anna Gräfin Pongrácz: Vom Wege. Erzählungen.

Es war Abend. Am Fenster eines von der Welt ziemlich weitab liegenden ungarischen Landhauses stand eine junge Frau. Eleganz und Comfort umgaben sie. Das Zimmer, in dem sie sich aufhielt, war hoch und freundlich; Bilder in prachtvollen Rahmen schmückten die nach moderner Art dunkel tapezierten Wände, weiche Divans standen da und dort; in der Mitte befand sich ein runder Tisch, von dem eine schwere Decke bis zu dem mit Teppichen belegten Boden niederhing. Im Kamin loderte ein helles Feuer, von großen Holzblöcken genährt, und die über dem Tisch angebrachte Lampe warf einen traulichen Schein über den ganzen Raum.

Die junge Frau war allein. Sie lehnte die Stirne gegen die Scheiben und blickte unverwandt in das Dunkel, das draußen herrschte. Ein heftiger Sturm umheulte das Haus und der Regen schlug in schweren Tropfen an die Fenster.

That der Aufruhr in der Natur der Hinausblickenden wohl, weil sie so beharrlich in ihrer Stellung blieb, anstatt sich etwa gemüthlich mit einem Buche oder einer Handarbeit vor dem Kamin niederzulassen? Vielleicht! Es gibt Stunden, in denen uns Ruhe und Frieden um uns zur Verzweiflung bringen können, … #ErsteSätze


Nanny Lambrecht: Das Haus im Moor. Roman.

Über dem verfilzten Vennboden schwamm die Glut der niedergehenden Sonne.

Ein Moorhuhn klagte im Weidengebüsch am Tümpel. Ein schwerer, feuchtwarmer Dunst sickerte in das blaßgrüne Torfmoos. Die Unendlichkeit des Himmels lag auf der unendlichen Weite der Moorfelder.

Von dem neuangelegten Schienenstrang der Eifelbahn her ein ferner Schall! Der verlor sich wie ein wirrer, stumpfer Laut im Moor. Todeseinsamkeit! und darüber ein heiterer Himmel – und hier und da eine Gruppe schweigsamer Menschen mit gekrümmtem Rücken und straffem Haar, herbe Linien in den strengen freudlosen Gesichtern – eine triste Heidestimmung versteinert in den scharfen Zügen!

Das sind die paar Frauen in dem Sourbrodter Torfwerk. Die Sumpfluft hat ihnen das heiße Wallonenblut ausgetrocknet. Das Venn verschlang ihre Stimmen; im Moor lachte keiner. Leichendunst steigt aus den Sümpfen. Wer kann denn zwischen Gräbern lachen? … #ErsteSätze


Sonja Kowalewska: Die Nihilistin. Roman.

Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, als ich mich in Petersburg niederließ. Drei Monate vorher hatte ich eine der ausländischen Universitäten absolvirt und war mit dem Doctordiplom in der Tasche nach Rußland, zurückgekehrt. Nach einem fünfjährigen, zurückgezogenen, beinahe völlig einsiedlerischen Leben in einem kleinen Universitätsstädtchen erfaßte mich auf einmal das Petersburger Leben wie ein Rausch. Für eine Zeitlang vergaß ich die Begriffe von analytischen Functionen, Raum, vier Dimensionen, die noch vor Kurzem meine ganze innere Welt erfüllten, und gab mich mit der ganzen Seele den neuen Interessen hin; ich machte links und rechts Bekanntschaften, bemühte mich in die verschiedensten Kreise einzudringen und verfolgte mit brennender Neugier die Erscheinungen dieses verwickelten, im Grunde so leeren, aber auf den ersten Blick so verlockend aussehenden Chaos, das man Leben heißt. Alles interessirte und freute mich jetzt. Es zerstreuten mich die Theater und die Wohlthätigkeits-Soiréen und die literarischen Kreise mit ihren endlosen, zu nichts führenden Disputen über alle möglichen abstrakten Themata. Die gewöhnlichen Besucher dieser Kreise waren der Dispute schon überdrüssig, für mich hatten sie noch den ganzen Reiz der Neuheit. … #ErsteSätze


Fjodor Dostojewski: Weiße Nächte. Roman.

Es war eine wunderbare Nacht, eine von den Nächten, die wir nur erleben, solange wir jung sind, freundlicher Leser. Der Himmel war so sternenreich, so heiter, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte: können denn unter einem solchen Himmel überhaupt irgendwelche böse oder mürrische Menschen leben? So fragt man nur, wenn man jung ist, freundlicher Leser, wenn man sehr jung ist; doch möge der Herr Ihnen solche Fragen öfter eingeben … Da ich gerade von allerlei mürrischen und bösen Herrschaften spreche, muß ich an mein musterhaftes Betragen während des ganzen heutigen Tages denken. Schon vom frühen Morgen an quälte mich ein seltsames Unlustgefühl. Es war mir plötzlich, als ob ich, Einsamer, von allen verlassen sei und als ob sich alle von mir lossagten. Nun kann man mich allerdings fragen: wer sind diese »Alle«? Denn ich lebe schon seit acht Jahren in Petersburg und habe es bis heute nicht verstanden, Bekanntschaften zu machen. Wozu brauche ich auch Bekanntschaften? Ich kenne auch so ganz Petersburg; darum hatte ich auch das Gefühl, von allen verlassen zu sein, als ganz Petersburg aufbrach und in die Sommerfrischen zog. Es war mir so schrecklich, allein zu bleiben, und darum irrte ich ganze drei Tage in der Stadt umher, von einem starken Unlustgefühl bedrückt und ohne zu begreifen, was mit mir vorging. … #ErsteSätze


Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der Donnerstag war. Roman.

Der Vorort Saffron Park, der lag da hinaus, wo über London die Sonne unterzugehen pflegt. Und schaute auch grad so rot und genau so zerschlissen aus wie eine Wolke bei Sonnenuntergang. Durchweg aus knallrotem Backstein erbaut; von einer ganz schrullenhaften Silhouette und gleicherweise von einem überaus ungebärdigen Grundriß. Die Emanation eines spekulativen Baumeisters; eine dilettantische Vorspiegelung von Kunst; in einem Stil, der sich am liebsten – bald gotisch aus der Zeit der Königin Elizabeth und bald nach Queen Anne – nennen hörte . . . unter der Impression offenbar, daß diese beiden Herrscherinnen identisch wären . . . Saffron Park war mit einigem Recht als eine Künstlerkolonie verschrien, obschon hier niemals nach irgendeiner Richtung hin irgendwie Kunst produziert wurde. Jedennoch: waren Saffron Parks Prätentionen, ein geistig Zentrum darzustellen, auch ein wenig vage, so war seine Anwartschaft, als ein ulkiger Platz zu gelten, unbestreitbar. Der Fremde, der diese affektiert roten Häuser zum erstenmal sah, der dachte nur dieses: daß es schon ziemlich närrische Leut sein müßten, die es fertig brächten, da drinnen zu wohnen. Aber selbst wenn er das Völkchen dann kennen lernte, selbst dann brauchte er in diesem seinem vorgefaßten Respekt um nichts herunterzugehen. … #ErsteSätze


Edgar Wallace: Der Mann von Marokko. Roman.

James Lexington Morlake, der von seinen Zinsen lebte und viele Titel hatte, wenn er sie auch selten führte, saß in seinem Arbeitszimmer.

Er schloß eine Schublade des schönen Rokokoschreibtisches auf und schaute nachdenklich in das Fach, das mit Stahl ausgeschlagen und durch vier Schließbolzen gesichert war. Dann nahm er langsam ein viereckig zusammengefaltetes, schwarzes Seidentuch, eine automatische Pistole und eine Lederrolle heraus. Er öffnete den Verschluß des Necessaires und breitete es auf seinem Schreibtisch aus. Es war aus dauerhaftem, feinem Seehundsfell gearbeitet, und in den einzelnen Taschen steckten viele Instrumente, Feilen und Sperrhaken – alles äußerst klein und aus bestem Werkzeugstahl hergestellt.

Er prüfte die Diamantspitze eines Bohrers, der die Größe eines Zahnstochers hatte. … #ErsteSätze


Reinhold Ortmann: Der Rechtsanwalt. Roman.

Dr. Paul Leonhardt war ein so gesuchter und vielbeschäftigter Rechtsanwalt, daß er nicht, gleich den meisten seiner Kollegen, durch die Rücksicht auf die Praxis gezwungen war, sein Bureau in einer der engen, luftarmen Geschäftsstraßen der Altstadt aufzuschlagen, sondern daß er seinen Klienten wohl zumuten durfte, sich behufs der unerläßlichen persönlichen Besprechungen in das vornehme Villenviertel hinauszubemühen, das während der letzten Jahrzehnte längs des Flusses entstanden war.

Da – in einer der ruhigsten und elegantesten Straßen – bewohnte er die beiden unteren Geschosse eines stattlichen, gartenumhegten Hauses, dessen zweites Stockwerk die Besitzerin, die hochbejahrte Witwe eines Landgerichtsdirektors innehatte. Sein Schreibzimmer wie sein Privatkabinett lagen im Parterre, während sich die mit fast verschwenderischem Luxus ausgestatteten eigentlichen Wohnräume im ersten Stock befanden. … #ErsteSätze


Friedrich Glauser: Augenblicke. Erzählungen.

Von der Bahnstation bis zur Abzweigung, die nach Waiblikon führte, war die Strasse noch asphaltiert, und Wachtmeister Studer fluchte nicht allzusehr, obwohl es vom Himmel schüttete und ein durchaus unangenehmer Herbstwind pfiff. Ausser dem Wetter störte den Wachtmeister einzig die »Rösti«, die seine Frau ihm am Morgen vorgesetzt hatte. Denn auf die »Rösti« am Morgen hielt er, der Wachtmeister Studer. Sein Vater, der im Emmental Bauer gewesen war, hatte sie am Morgen gegessen, sein Grossvater auch; warum sollte er eine Ausnahme machen? Aber dass man alt wurde, war eben eine Tatsache, die Verdauung funktionierte nicht mehr wie früher, man bekam Sodbrennen von der »Rösti«. Studer schob dies auf das schlechte Fett, das seine Frau wohl der Sparsamkeit wegen gebraucht hatte. Irgend so ein modernes Geschlarpf war wohl das Fett. Er trappte mit den dicken Sohlen durch die Pfützen, zog den Gummimantel enger an den Bauch. Nicht einmal rauchen konnte man bei diesem Wetter. … #ErsteSätze


Edgar Wallace: Die seltsame Gräfin. Roman.

Lois Margeritta Reddle saß auf der Kante ihres Bettes und hielt in der einen Hand eine große Tasse, in der anderen einen Brief. Die dicke Brotschnitte war zu dünn gestrichen, der Tee zu schwach aufgegossen und zu stark gezuckert, aber die Lektüre nahm Lois so in Anspruch, daß ihr diese kleinen Nachlässigkeiten ihrer Freundin Lizzy Smith nicht zum Bewußtsein kamen.

Eine goldene Krone schmückte den Briefbogen, und das starke, griffige Papier strömte einen leichten Duft aus.

307 Chester Square, London S.W. Die Gräfin von Moron hat mit Vergnügen die Nachricht erhalten, daß Miss Reddle ihre Stellung als Privatsekretärin am Montag, dem 17., antritt. Miss Reddle kann versichert sein, daß sie einen angenehmen Posten und viel freie Zeit zur Verfügung haben wird. … #ErsteSätze


Marie Zedelius: Durch die Brandung. Novelle.

Das Casino, der abendliche Versammlungsort der Herren aus der höheren Gesellschaft, strahlte im Licht seiner Glaskronen und war bereits von Gästen ziemlich angefüllt. Während einige derselben in eifriger oder gemüthlicher Unterhaltung begriffen waren, andere sich den Spieltischen zuwandten, schlenderten verschiedene umher, indem sie sich zeitweilig dieser und jener Gruppe anschlossen, oder es damit genug sein ließen, daß sie die Versammlung so wie die Neueintretenden beobachteten. –

Jetzt gerade that sich die Thür des Saales, welche eine Weile geschlossen gewesen war, aufs Neue auf, und ein in jugendlichem Alter stehender Mann von schlankem Wuchs trat über die Schwelle. Das Aeußere desselben war wohl geeignet, einen Blick, der sich etwa zufällig auf ihn gerichtet hatte, für einige Zeit festzuhalten; denn neben der Regelmäßigkeit der Züge frappirte der eigenthümliche Contrast seiner bleichen, wenn auch nicht gerade krankhaften Gesichtsfarbe … #ErsteSätze


Dora Duncker: Großstadt. Roman.

In einem geräumigen Zimmer, dessen Einrichtung so einfach war, dass sie beinahe an Armut grenzte, sassen zwei junge Mädchen in tiefer Trauerkleidung und ein Mann, der die Höhe der Sechzig erreicht haben mochte, um einen runden, mit einer blau und rot gewürfelten Decke bedeckten Tisch.

Von draussen schlug in kurzen Absätzen ein stössiger Nordost gegen die Fensterscheiben.

Am Himmel zogen graue, schwere Wolken einher und verdunkelten auf Augenblicke das kahle, unfreundliche Gemach. Man konnte dann nur noch die bleichen Gesichter der beiden Mädchen und die auf dem Fussboden verstreuten Blütenblätter von weissen Astern und hellfarbigen Rosen deutlich unterscheiden. Ein widerlicher Geruch von Karbol, Räucheressenzen, Cichorienkaffee und toten Blumen durchzog den Raum. … #ErsteSätze


Theodor Däubler: Der Marmorbruch. Erzählung.

Was war das für ein seltsamer, dichter Staub, der die Pinienstämme im Wald von Migliarino versilberte, als schiene der Mond? Wie ein metallisch glänzender Strom schlängelte sich die Straße durch die Sommernacht, und wenn ein Auto darauf vorüberglitt, brachen schwere, durchleuchtete Wolken flatternde Brandbänder ins Gebüsch und übersamteten mit ihren winzigen glitzernden Kristallen Pinienwedel und Brombeerhecken.

Mario Marin hielt sein Auto an; der Staub hatte die Scheinwerfer verschleiert und ihnen den klaren Blick genommen. Er stieg aus, putzte das Glas und wollte gerade wieder ans Steuerrad zurückkehren, als er im Licht seines Reflektors eine Gestalt erkannte, die stille zwischen den Stämmen stand. Geblendet schloß der Wanderer die Augen. Sein Gesicht zog sich in hundert Falten zusammen wie eine dicke Schnecke, die sich verscheucht in ihr Gehäuse zwängt; die vielen Runzeln seiner rostbraunen Haut drängten sich um die fleischige Nase, die fuchsigen Augenbrauen schlängelten sich unter dem ebenfalls roten Haarbusch hervor, der ihm tief in die Stirne hing, und die schwere, borstige Oberlippe klemmte sich krampfhaft unter das Nasenbein. … #ErsteSätze


Joseph Smith Fletcher: Der Verschollene. Roman.

Das Hotel »Zum Kardinalshut« in Brychester gehört zu jenen Gaststätten, die man nur noch in den ältesten Städten Englands findet. Früher waren die großen Gasträume gefüllt, in den Ställen stampften die Pferde, und vor den Türen standen Postwagen und Reisefuhrwerke. Aber seit der Einführung der Eisenbahn verlor das Hotel an Bedeutung und führte nur noch ein Schattendasein.

An einem schönen Herbstnachmittag stand der alte Oberkellner, der wie ein ehrwürdiger Kirchendiener aussah, nachdenklich in der Haustür und sah die Straße hinunter. Auf der anderen Seite erhob sich der majestätische Turm der großen Kathedrale, in der früher einmal ein Bischof am Hauptaltar die Messe gelesen hatte. Dicht daneben stand das schöne alte Marktkreuz, das zur Zeit der Tudors errichtet worden war. Es war nur wenig Verkehr auf der Straße. Ein paar Bauernwagen rollten über das holperige Pflaster, und hier und dort standen Nachbarn zusammen und besprachen die letzten Neuigkeiten. … #ErsteSätze


Olga Wohlbrück: Du sollst ein Mann sein! Roman.

Er wurde auf einem großen Amerikadampfer geboren, während eines heftigen Sturmes. Der Arzt übergab das Kind der Stewardeß, die sich kaum auf den Füßen halten konnte.

»Werft mich ins Wasser! Werft mich ins Wasser!« schrie die junge, blonde Wöchnerin.

»Aber es ist ja alles vorüber«, beruhigte der Arzt.

Bald war auch alles vorüber. Der Sturm legte sich. – Auch die Frau wurde still, ganz still – und gegen Abend war sie tot. Am nächsten Morgen versenkte man einen großen, zusammengenähten Sack ins Meer. Der Wind wehte den wenigen Passagieren, die sich zu der düsteren Feier eingefunden hatten, einen feinen, kalten Sprühregen ins Gesicht. Der Kapitän machte es kurz: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!« … Die Hüte, Mützen und Kappen flogen von den Köpfen … #ErsteSätze


Annie Hruschka: Das Haus des Sonderlings. Roman.

Die drei Linden, die der kleinen Wirtschaft des Herrn Sebastian Lagler den Namen gaben und seinen »Gastgarten« bildeten, waren über Nacht erblüht. Ihr Duft mischte sich mit dem Geruch frischgekochten Kaffees, den der Wirt eben eigenhändig zu dem einzigen Gast trug, der unter den Linden saß und behaglich die Stille des Morgens auf sich wirken ließ.

»Nicht wahr, Herr, das schmeckt,« fragte er dann nach einer Weile stolz lächelnd. »So ein unverfälschter Trank und in der frischen Luft heraußen!«

»Ja, der Kaffee ist gut. Besonders, wenn man vorher schon drei Stunden bergauf und -ab marschiert ist und dann unerwartet auf ein so nett gelegenes gastliches Haus stößt. Komisch, daß ich von diesen »Drei Linden« noch gar nichts wußte!« … #ErsteSätze


Annie Hruschka: Das Geheimnis vom Brintnerhof. Roman.

»Nicht möglich. Wegen ein paar Kübel Kohlen fängt deine Schwiegertochter Streit an, Brintner?«

»Wie ich dir sage, Sonnenwirtin! Kohlen wären nicht ausbedungen im Kontrakt, den ich seinerzeit, als ich Haus und Hof dem Andres übergab, aufsetzen ließ. Als ob ich das nicht selbst wüßte! Als ob ich mir nicht jeden Herbst zwei Fuhren hätte einschaffen lassen! Aber, wenn es im April noch kalt ist wie im Jänner und mein Vorrat zu Ende ist, werde ich mir bei dem eigenen Sohn doch ein paar Kübel ausborgen dürfen! Hab’s der Magd ohnehin gesagt: Im Herbst gebe ich sie zurück! Aber nein. Bar zahlen hätte ich sie der Frau Schwiegertochter sollen! Und Andres – wie immer – ist gleich auf Justinas Seite. Wie sie sagt: ›Ja, wer weiß denn, ob der Herr Vater im Herbst noch lebt?‹ nickt er gleich: ›Freilich, freilich, wer kann das wissen?‹ Ja, liebe Berta, so springen sie mit mir um daheim und wundern sich dann noch, wenn ich zu dir gehe, um mich ein wenig auszureden und zu erholen!«

»So? Das ärgert sie auch?« … #ErsteSätze


Claude Anet: Ariane. Roman.

Ein Himmel von fast morgenländischer Klarheit, schön, rein, leuchtend und blau wie ein Türkis aus Nischapur dehnte sich über den Häusern und Gärten der noch schlummernden Stadt. Nur das Zwitschern der Spatzen, die einander auf Dächern und den Ästen der Akazien verfolgten, und das behagliche Gurren einer Taube vom Wipfel eines Baumes störten die tiefe Ruhe des frühen Morgens. Von weitem ertönte dann und wann das ächzende Knarren eines Bauernkarrens, der langsam auf dem holprigen Pflaster der Sadowaja, der größten und elegantesten Straße der Stadt, herankam.

Angrenzend an den breiten, staubigen, verlassenen Domplatz umschloß eine Holzverschalung den Hof des Hotel London, dessen eintönige lange Fassade mit drei Stockwerken aus grauen Steinen, verdrießlich wie ein regnerischer Herbsttag, ohne Erker, ohne Pfeiler, ohne Säulen, schmucklos in die Sadowaja starrte. … #ErsteSätze


Olga Wohlbrück: Das ist Russland. Erzählungen.

Das Gut der Sobatschnikoff ist eines der schönsten im Gouvernement Smolensk. Es heißt so nach dessen ersten Besitzer aus der Familie Sobatschnikoff. Freilich wurde der meist »Sobaka« genannt, was so viel wie Hund bedeutet. Und ein Hund war er.

Schon daß er nicht trank und nicht spielte wie alle früheren Gutsbesitzer, nahm die Bauern gegen ihn ein, denn man durfte nie etwas von seiner guten Laune erwarten. Launen hatte er überhaupt nicht. Nur eine unbezwingbare Habsucht. Ein hübsches Weib aus dem Dorfe mußte ihm ebenso gehören wie der gut bestellte Acker eines Bauern. Dazu waren ihm alle Mittel recht. Er verlieh Geld an die Bauern, ohne wie der Schankjude hohe Zinsen zu nehmen, aber wenn sie ihn nicht bezahlen konnten, jagte er sie unbarmherzig vom Hof oder stellte ihnen die härtesten Bedingungen. … #ErsteSätze


Olga Wohlbrück: Die Frau ohne Mann. Roman.

»Na Toni, wird’s bald?«

Es ist die Stimme ihres Mannes, liebenswürdiger als sonst. Aber doch mit dem ungeduldigen Unterton, den er ihr gegenüber nie ablegen kann.

Alles fliegt an ihr, ihre Finger gehorchen ihr nicht. Da schließt ein Haken nicht, dort guckt ein Band hervor. Sie fürchtet wie immer seinen kritischen Blick, weiß, daß er nie zufrieden mit ihr ist.

Aber heute ist der Ausnahmetag. Ihr Hochzeitstag. Ihrer. Er hat viele Hochzeitstage – wenn Hochzeitstag der Gedenktag ist erster körperlicher Vereinigung. Aber nein, daran will sie heute nicht denken. Sie zählt nur rasch: sieben, acht – nein, zehn Jahre sind es. Und immer ist es ihr wie ein Wunder, daß noch ein Jahr hinzugekommen ist. Freilich hat sie sich geduckt – hat alles in den Kauf genommen, nur daß er nicht fortging, und daß sie, von allen geachtet und geehrt, die Frau Fabrikbesitzer Doktor Antonie Kemper blieb. … #ErsteSätze


Theodor Däubler: Die Göttin mit der Fackel. Roman.

Der Frühlingssturm raste durch den Berliner Tiergarten. Er jagte die Blätter des alten Jahres um die Wette mit den Automobilen über den Asphalt, klapperte heftig mit den Fahnenschnüren an dem Gesandtschaftspalais, riß ganz plötzlich in der Villa Schott ein Fenster auf und fuhr in den großen, offenen Reisekoffer hinein, der, schon halb gepackt, mitten in einem Zimmer stand. Dabei lüpfte er leichte Seidenwäsche heraus und wehte sie unsanft in die Ecken, wo sie nun, übel zerknäult, am Boden kreiselte.

Das kam davon, daß Lenchen, die Zofe, hereingekommen war und daß es Durchzug gegeben hatte. Starr vor Schreck blieb sie in der offenen Tür stehn. Aber der Wind kümmerte sich nicht um den Ausdruck tiefsten Tadels, der ihre wasserblauen, verschwommenen Äugelchen für einen Augenblick verhärtete; er benutzte vielmehr den Durchschlupf, den sie ihm bot, und fegte ihr ein Paket seidener Tücher von der flachen Hand, so daß es aussah, als ob er eine weiße Blume zerpflückt und zerwirbelt hätte. … #ErsteSätze


Ada Christen: Der einsame Spatz. Erzählungen.

Arme Leute kaufen ihr Brennholz von dem Zimmerplatze weg. Es wird nicht in Wagen vor das Tor gefahren, sondern die Kinder gehen mit alten Tüchern hin und lesen an Spänen zusammen, was sie nur tragen können, bezahlen dann ein paar Groschen dafür und schleppen ihr Bündel auf dem Rücken nach Hause.

So wird es den ganzen Tag auf großen Zimmerplätzen nicht leer von den Kindern der Armen, und es setzt oft Püffe dort ab. Die Gesellen, der Werkmeister, oft der Zimmermeister selbst, fahren gelegentlich mit der Hand darein; am meisten aber prügeln sich die Kinder untereinander. So war es, als ich noch selbst ein Kind war, und so wird es wohl noch heute sein.

Bei Regen und Sonnenschein, vom ersten Frühlingstag bis es herbstlich zu frösteln begann, mußte ich hinaus auf den Platz und den Holzbedarf für den nächsten Tag heimtragen, ja sogar noch etwas darüber, denn ein Büschel Späne wurde immer an die Rückwand der stockfinstern Küche gelegt. Jeden Tag ein Büschel, das gab bis zum Herbst einen Vorrat, der bis an die Decke reichte und für manchen Wintertag vorhielt. … #ErsteSätze


Korfiz Holm: Herz ist Trumpf. Roman.

Die Sonne lauerte durch den Spalt der lichtbunten Vorhänge an dem Mansardenfenster und warf einen Streifen über das Fußende der breiten Bettstatt aus polierten vierkantigen Messingstäben, über die gelbseidne Steppdecke und die großen Füße, die darunter hervorgeschloffen waren und sich neugierig im Zimmer umsahen, erlöst gleichsam aus der Abhängigkeit von dem sie sonst regierenden Kopfe, der indes droben, eine Backe ins Kissen gewühlt, offnen Mundes schnarchte, in einem traumlosen Schlafe, dahinein nicht einmal das Gespenst eines Gerichtsvollziehers Zutritt hatte.

Ob es nun davon herrührte, daß der Straßenbahnwagen, der gerade unten vorüberdröhnte, das ganze, schön modern gebaute Haus ins Wanken brachte, oder ob den Sonnenstrahl wirklich das Lachen ankam – jedenfalls schüttelte er sich ein weniges; und es lag kein Grund vor, anzunehmen, daß das nicht vor Heiterkeit über dies Gemach und seinen Bewohner geschehen wäre.

Ein weltläufiger Mann, der unvorbereitet hätte raten sollen, wem dieses Schlafzimmer gehöre, würde es vielleicht einer galanten Dame zugeschrieben haben, aber dieser Kenner wäre mit seinem Indizienschluß hereingefallen. Denn in dem frivol prunkhaften Bette lag ein derber Kerl mit langen Gliedern und breitem schwarzhaarigen Bauernschädel. … #ErsteSätze


Jakob Wassermann: Laudin und die Seinen. Roman.

Der junge Mann kam schon zum zweitenmal an diesem Abend. Er bat das Mädchen, seine Karte der gnädigen Frau zu bringen und sie zu fragen, ob er auf den Herrn Doktor warten dürfe. Es war eine nicht besonders saubere Karte, auf welcher zu lesen war: Konrad Lanz stud. chem..

Pia Laudin ging gerade über den Korridor. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die Karte, einen ebenso flüchtigen auf den armselig gekleideten, etwa vierundzwanzig Jahre alten Menschen, der mit schmutzigen Schuhen, nassen Beinkleidern und nassem Havelock vor ihr stand, und sagte: »Mein Mann wird wahrscheinlich spät nach Hause kommen,« und mit einem mißtrauischen Nebenton: »Wollen Sie ihn als Anwalt sprechen?«

»Ja, als Anwalt, gnädige Frau,« war die zögernde, von einem bittenden Ausdruck unterstützte Antwort.

»Dann müssen Sie sich in die Kanzlei bemühen. Mein Mann ist tagsüber so anstrengend beschäftigt, daß er am Abend in seinem Hause unmöglich Klienten empfangen kann.« … #ErsteSätze


Ada Christen: Jungfer Mutter. Roman.

Die Geschichte, wie die Walter Hanni eine alte Jungfer geworden ist und warum sie von den Leuten in der Blauen Gans Jungfer Mutter genannt wurde, ist nicht so leicht und schnell zu erzählen, als man meinen könnte, daß sich ein armes kleines Leben erzählen läßt. Sie wundert sich heute noch, wenn man ihr sagt, daß sie viel erlebte, denn so eigentlich weiß sie nur, daß sie immer fleißig gearbeitet hat.

Sie ist vor der Zeit schneeweiß und alt geworden und hat nie eine andere Freude gehabt als ihr Kind.

Ihr Kind war der eheliche Sohn ihrer Jugendfreundin, der Weis Leni, welche sich längst Madame Madeleine Weis nennt. Der kleine Ziehsohn der Hanni wurde nach seinem Vater Leopold Weis getauft und wußte seit seinem zehnten Jahre, daß sein Vater sich ein Taschenmesser in das Herz stieß und zu Füßen seines wunderschönen Weibes starb. Sooft der kleine Polderl seine »Frau Mutter« sah, ging ihm das, was er gehört, durch den Kopf, mehr als einmal wollte er sie fragen: Warum? – aber er getraute sich nicht, sie war so schön und sah so vornehm aus und redete wenig mit ihm. … #ErsteSätze


Lily Braun: Die Liebesbriefe der Marquise. Roman.

Wenn die alte Gräfin Laval, in ihren tiefen Lehnstuhl behaglich zurückgelehnt, ein heiter sinnendes Lächeln um die feinen Lippen, von Delphine Montjoie zu sprechen begann, so pflegte ihre strenge Tochter, mit einem vielsagenden Blick auf die Jugend im Zimmer, ein »aber Mamachen!« warnend dazwischen zu werfen. Sie unterbrach sich dann stets, eine zarte Röte überzog ihre Elfenbeinhaut – ob aus Ärger, ob aus Verlegenheit? –, und für den Rest des Abends blieb sie schweigsam.

Kam eine ihrer Enkeltöchter allein zu ihr, so bedurfte es keiner langen Bitten, und sie erzählte der gespannt Aufhorchenden von der Ahnfrau, die das Zaubermittel besessen hatte, alle Herzen an sich zu fesseln. Der lachende Geist des Rokoko – halb Liebesgott, halb Faun – hatte seine Schäferlieder an ihrer Wiege gesungen, das Heldenepos Napoleon hatte ihr Alter umbraust; um ihr duftendes Lockenköpfchen hatte der Sturm von 89 getobt, und von dem Gewitter der Julirevolution war ihr eisgraues Haupt noch berührt worden. Schleifende Menuettschritte, rauschende Kleider, klappernde Stöckelschuhe, Sturmläuten, Kanonendonner, dazwischen ein Flüstern, ein leises Lachen, ein verhaltenes Schluchzen, – das war ihre Geschichte. … #ErsteSätze


Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant. Biographie.

Ich kann nicht, wie so mancher andre es tut, meine Memoiren mit der Aufzählung vorväterlicher Herrlichkeiten und Heldentaten beginnen. Selbst von meinem Vater weiß ich nur, daß er ein verarmter und zu seinem Glücke mit Ruhm gefallener bretonischer Edelmann war, dessen Tod die ganze Erbschaft an Gütern und Ehren darstellte, die er seinem einzigen Sohne hinterließ. Die Erinnerungen an meine früheste Jugend bieten nur Bilder drückender Armut auf einem halbverfallenen Edelhofe, dazwischen einige holdere von heimlichen Streifzügen durch rotblühendes Heideland und Brombeergebüsch. Vergeblich suche ich rückschauend in diesen Erinnerungen nach einer Frauengestalt; nur rauhe Knechte haben mich erzogen. Mein besseres Leben begann erst, als mein Vater, den ich auch nicht häufig sah, die Klugheit hatte, sich neben Turenne und vielleicht von derselben Kanonenkugel töten zu lassen, und die Milde des allerchristlichsten Königs mich vor dem Schicksale manches herabgekommenen Landjunkers bewahrte, das da war, als geduldeter Kostgänger seiner leibeigenen Bauern in Trägheit und Unwissenheit zu verderben. Das Todesverdienst meines Vaters machte mich zum Schützling Ludwigs des Großen, zum Zögling seiner neugegründeten Schule und zum Erben getragener Prunkgewänder fürstlicher Knaben. Ich war zehn Jahre alt, als ich, ein wildes, scheues und vernachlässigtes Kind, nach Paris kam; zwei Jahre später war ich ein so schmucker und eitler kleiner Marquis, wie je einer in den schimmernden Sälen Versailles‘ gewandelt. … #ErsteSätze


Ricarda Huch: Die Geschichte von Garibaldi. Roman.

Im Sommer des Jahres 1846 bestieg der Kardinal Mastai unter dem Namen Pius IX. den Stuhl Petri. Das stumpfsinnige Regiment seines Vorgängers, Gregors XIV., hatte im Volke die Neigung erregt, von der Zukunft das Höchste zu hoffen, und da unter den patriotischen Männern, die damals Ratschläge gaben, wie das zerrissene und namenlose Land des Apennin zu heilen sei, einer war, nämlich Vicenzo Gioberti, der den römischen Papst als den ältesten und volkstümlichsten Fürsten der Halbinsel für den erklärte, der bestimmt sei, die vielen kleinen italienischen Staaten in seiner Hand zusammenzufassen und Italien zu nennen, war das Ergebnis der Wahl mit größerer Erregung als je erwartet worden. Von Giovanni Mastai-Ferretti war nicht viel bekannt, als daß er ein freundlicher, das Gute wollender Mann sei; zunächst indessen hoffte die Partei der Jesuiten ebenso sich seines Willens zu bemächtigen wie die der Patrioten. Zu den letzteren gehörte der Barnabitenpater Ugo Bassi; er eilte nach Rom und erhielt die Erlaubnis, im Kolosseum zu predigen; aber die gregorianische Partei, die noch herrschte, riet dem Heiligen Vater, wenn er denn einem Anhänger der Revolution, als welcher Ugo Bassi galt, das Wort gestatten wolle, ihn durch einen gegebenen Vorwurf der Rede, wie zum Beispiel die Süßigkeit der Armut oder die Wunderkraft des heiligen Namens Maria, zu binden. Ugo Bassi wählte die Süßigkeit der Armut. Die vielen jedoch, die um die Zeit des Ave Maria nach dem Kolosseum wanderten, erwarteten unter dem gemeinplätzigen Titel etwas ganz andres, das, was in den Herzen wühlte und nicht ans Licht durfte, auf irgendeine Weise zu hören: Freiheit, Vaterland, Größe und Auferstehung. … #ErsteSätze


Marie von Ebner-Eschenbach: Die Totenwacht. Erzählung.

Es war am Ende eines kleinen Dorfes im Marchfeld, das letzte, das ärmlichste Haus. Seine niedrigen Lehmmauern schienen jeden Augenblick aus Scham über ihre Blöße und all ihre zutage gekommenen Gebrechen in sich zusammensinken zu wollen. Das schiefe Strohdach bot nur noch einen sehr mangelhaften Schutz gegen Hitze und Kälte, Sturm und Schnee. Die Eingangstür, die des Schlosses entbehrte, war mit Stricken an den verrosteten Angeln befestigt, klaffte von allen Seiten und hatte längst aufgehört, eine feste Schranke zu bilden zwischen der Straße und dem einzigen Wohnraume der Hütte. Durch eine seiner Fensterluken drang ein schwach flackernder Lichtschein in das Dunkel der Oktobernacht. Er ging von einer Talgkerze aus, die am Fußende eines Sarges brannte. Der Sarg stand noch offen auf einem Schragen mitten in der Stube, und in ihm ruhte die Leiche einer kleinen, alten Frau. Sorgfältig angetan, mit dem Ausdruck seligen Friedens auf dem greisen Gesichte, nahm sie sich fast zierlich aus in ihrem letzten Bette. Ein weißes Tüchlein war um ihren Kopf gewunden und unter dem Kinn zusammengesteckt; die grauen Haare waren glatt gescheitelt, die Hände über der Brust gekreuzt und mit einem Rosenkranz umwickelt. … #ErsteSätze


Jeanne Marni: Stille Existenzen. Roman.

Auf dem Kirchhof Montmartre. Es ist zehn Uhr morgens an einem ausnahmsweise regenfreien Junitage.

Madame Mael, 39 Jahre alt. Sie ist immer noch schön, trotz ihrer frühzeitig ergrauten Haare.

Madame d’Alysse, 35 Jahre, eine schlanke, hübsche Blondine mit harten, grauen Augen und einem eigensinnigen Zug um den Mund.

Beide Damm sind in tiefer Trauer, sie tragen große Sträuße von Rosen, Narzissen, Iris und Stiefmütterchen. Sie begegnen sich am Eingang des Friedhofs.

Madame Mael: »Sie hier? Und zu dieser Tageszeit?«

Madame d’Alysse: »Wie Sie sehen. – Guten Morgen, Liebste.«

Madame Mael: »Guten Morgen, Madelon. Ich dachte, Sie wären schon auf dem Lande?«

Madame d’Alysse: »Wir haben unsre Abreise wieder verschoben. Das Wetter war gar zu schlecht. – Wie geht es Ihrer Tochter?« … #ErsteSätze


Hedwig Dohm: Werde die Du bist. Erzählung.

In der Irrenanstalt des Doktor Behrend, in der Nähe Berlins, machte eine alte Frau – sie mochte nah an sechzig sein – Aufsehen. Sie hatte feine, interessante Gesichtszüge, starkes graues Haar und große grünlich graue Augen. Niemals starrten diese Augen in’s Leere. Entweder schienen sie, erloschen für Außenwelt, innerlich etwas zu schauen, oder sie waren emporgerichtet, bald mit dem Ausdruck eines leidenschaftlichen, irrenden Suchens, bald mit Entzücken sich an einen Gegenstand festsaugend. Die Augen einer Seherin. Diese wundersamen Augen geben dem Kopf den Charakter einer jüngeren Frau.

Sie verhielt sich meist schweigsam. Zuweilen aber fing sie an zu reden, dann war es, als hielte sie Zwiesprache mit übernatürlichen Wesen. Unermeßliche Melancholie oder dithyrambische Verzückung atmeten ihre Worte. Sie sprach tiefsinnige und erhabene Gedanken aus, in einer Form, die an Nietzsches Zarathustra erinnerte.

Man hätte glauben sollen, daß diese alte Frau eine große Dichterin gewesen und daß ein Übermaß geistiger Erregung die Gehirnstörung bewirkt habe. Das Gegenteil war der Fall. … #ErsteSätze


Marie von Ebner-Eschenbach: Unsühnbar. Erzählung.

Die Vorstellung des »Fidelio« war zu Ende; das Publikum strömte aus dem Opernhause und zerstreute sich rasch nach allen Richtungen. Seit vierundzwanzig Stunden fiel Schnee, emsig, unablässig, in großen Flocken; er lag schwer auf den Dächern, verschleierte die Lichter in den Lampen, machte die Mühe der Wege ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich. Geräuschlos rollten die Equipagen vor; in Pelze gehüllte Männer und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen. Ein paar Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schönen in einen Comfortable mit zerbrochenen Fenstern. Wie der Wind sauste ein Fiaker nach dem anderen davon. Den Hut auf dem Ohr, den Schnurrbart gewichst, saßen die Eigentümer des »feschen Zeugels« etwas vorgebeugt auf ihrem Bock, in jeder Hand einen Zügel; und die Pferde griffen aus und gaben her an Lebenskraft, was sie geben konnten, um grüne Majoratsherrchen, hochgeborene Reiteroffiziere und Sportsleute so geschwind als möglich zum Spiel in den Jockeyclub zu bringen. An den Rand der Straße gedrängt, rumpelten dicht besetzte Gesellschaftswagen, von abgejagten Mähren geschleppt, von schlaftrunkenen Kutschern regiert, den Vororten zu. Solide Bürgersfamilien gingen wohlverwahrt, mit geschärftem Appetit – man wird so hungrig im Theater – nach Hause, wo ein kräftiges Abendessen sie erwartete, oder begaben sich in eine Restauration. … #ErsteSätze


Virginia Woolf: Orlando. Roman.

Er – denn es war kein Zweifel über sein Geschlecht möglich, wenn auch die Mode der Zeit bemüht schien, es unkenntlich zu machen – er also war damit beschäftigt, den vom Sparrenwerk herabbaumelnden Kopf eines Mohren säuberlich zu zersäbeln. Dieser Kopf hatte die Farbe und mehr oder weniger auch die Form eines alten Fußballs, wenn man von den eingetrockneten Wangen und ein paar Strähnen groben, dürren Haares absah, das den Fasern einer Kokosnuß glich. Orlandos Vater (vielleicht war es auch sein Großvater gewesen) hatte den Schädel von den Schultern eines gewaltigen Heiden heruntergeschlagen, der sich unter dem Mond der barbarischen Schlachtfelder Afrikas wider ihn erhoben hatte; und nun hing er in dem mächtigen Hause des Lords, der ihn abgehauen hatte, und schwang sacht schaukelnd und unablässig in der Brise, die ohne Unterlaß durch die Räume des Dachgeschosses strich.

Orlandos Väter waren auf vielen Schlachtfeldern geritten – auf Asphodillfeldern und steinigen Feldern und Feldern, die von fremden Flüssen getränkt wurden; und sie hatten vielerlei Köpfe von vielerlei Farben von vielerlei Schultern gehauen und sie heimgebracht, um sie vom Sparrenwerk herabbaumeln zu lassen. Orlando wollte es ihnen gleichtun, das gelobte er. Da er aber erst sechzehn Jahre zählte und noch zu jung war, um mit ihnen in Afrika oder Frankreich zu reiten, so stahl er sich von seiner Mutter und den Pfauen im Garten hinweg und ging in die Dachkammer, um da seine Hiebe und Stöße zu führen und mit der Klinge die Luft zu zerhauen. … #ErsteSätze


Alfred Schirokauer: Alarm. Roman.

John Rutland warf die Serviette auf den Tisch, der Butler zog den Stuhl unter ihm fort. Das Diner hatte wieder genau 9½ Minuten gedauert. Es war die hastige lieblose Mahlzeit eines einsamen Mannes.

Rutland ging zur Tür der Bibliothek. Wisdom, der Butler, öffnete sie, der Herr nickte ihm kurz zu, Wisdom flüsterte: »Gute Nacht, Sir«, und damit war sein Dienst für heute erledigt.

Abend für Abend, wenn den leitenden ersten Direktor von Killick & Ewarts, der größten Waffenfabrik und mächtigsten Schiffsbauwerft Englands, nicht gesellschaftliche Pflichten riefen, schloß sich um halb neun hinter ihm die Tür der Bibliothek seines stillen Hauses in Egerton Terrace im Viertel Brompton zu London.

Unten im Souterrain saß geruhsam die Dienerschaft und plauderte. Dem weiblichen Teil des Personals spendete der geheimnisvolle Herr des Hauses einen unerschöpflichen Gesprächsstoff.

»Ich bin überzeugt«, sagte Amy, das sehr hübsche Stubenmädchen, das erst kurze Zeit hier in Stellung war und sich bisher vergeblich bemüht hatte, einen bewußt aufmerkenden Blick Rutlands zu erhaschen, »ich bin überzeugt, er haßt die Frauen.«

Die Köchin Jane, die seit fünf Jahren hier unten das Regiment führte, schüttelte gelassen ihr üppiges Doppelkinn. … #ErsteSätze


Camille Lemonnier: Die Liebe im Menschen. Roman.

Der Arzt spielte mit seinem goldenen Stifte und verordnete mir »eine beruhigende Lebensweise«. O nein, daran liegt es nicht; das Übel wurzelt anderswo. Die Nerven und der Geist sind angegriffen. Gut, ich weiß dies alles – dennoch ist es ein Anderes.

Auf der Straße zuckte ich mit den Achseln und zerriß das Geschreibsel. Da ging eben ein hübsches Kind vorbei und blickte mich an. Ich kenne sie nicht; ich habe sie niemals gesehen; dennoch kennt diese mein Übel besser als die Ärzte.

Vielleicht, daß ich ein uralter Mensch bin. Ich trage den Menschen in mir, der ich schon in den Fernen meines Geschlechtes war. Ja, damals schon tobte dieses Weh in mir, mein Blut glühte. Und ich bin kaum dreißig Jahre alt.

Bei uns zu Hause lebte ein schöner rüstiger Greis, eine Art Riese, der mit erhobenen Armen an die Decke reichte. Den Winter über wirkte er oben in seinem ungeheizten kleinen Zimmer Netze. Er war ein guter Mann, der die Jagd und die Fischerei liebte. … #ErsteSätze