Unsere aktuellen Neuerscheinungen


Edgar Wallace: Die seltsame Gräfin. Roman.

Lois Margeritta Reddle saß auf der Kante ihres Bettes und hielt in der einen Hand eine große Tasse, in der anderen einen Brief. Die dicke Brotschnitte war zu dünn gestrichen, der Tee zu schwach aufgegossen und zu stark gezuckert, aber die Lektüre nahm Lois so in Anspruch, daß ihr diese kleinen Nachlässigkeiten ihrer Freundin Lizzy Smith nicht zum Bewußtsein kamen.

Eine goldene Krone schmückte den Briefbogen, und das starke, griffige Papier strömte einen leichten Duft aus.

307 Chester Square, London S.W. Die Gräfin von Moron hat mit Vergnügen die Nachricht erhalten, daß Miss Reddle ihre Stellung als Privatsekretärin am Montag, dem 17., antritt. Miss Reddle kann versichert sein, daß sie einen angenehmen Posten und viel freie Zeit zur Verfügung haben wird. … #ErsteSätze

Marie Zedelius: Durch die Brandung. Novelle.

Das Casino, der abendliche Versammlungsort der Herren aus der höheren Gesellschaft, strahlte im Licht seiner Glaskronen und war bereits von Gästen ziemlich angefüllt. Während einige derselben in eifriger oder gemüthlicher Unterhaltung begriffen waren, andere sich den Spieltischen zuwandten, schlenderten verschiedene umher, indem sie sich zeitweilig dieser und jener Gruppe anschlossen, oder es damit genug sein ließen, daß sie die Versammlung so wie die Neueintretenden beobachteten. –

Jetzt gerade that sich die Thür des Saales, welche eine Weile geschlossen gewesen war, aufs Neue auf, und ein in jugendlichem Alter stehender Mann von schlankem Wuchs trat über die Schwelle. Das Aeußere desselben war wohl geeignet, einen Blick, der sich etwa zufällig auf ihn gerichtet hatte, für einige Zeit festzuhalten; denn neben der Regelmäßigkeit der Züge frappirte der eigenthümliche Contrast seiner bleichen, wenn auch nicht gerade krankhaften Gesichtsfarbe … #ErsteSätze

Dora Duncker: Großstadt. Roman.

In einem geräumigen Zimmer, dessen Einrichtung so einfach war, dass sie beinahe an Armut grenzte, sassen zwei junge Mädchen in tiefer Trauerkleidung und ein Mann, der die Höhe der Sechzig erreicht haben mochte, um einen runden, mit einer blau und rot gewürfelten Decke bedeckten Tisch.

Von draussen schlug in kurzen Absätzen ein stössiger Nordost gegen die Fensterscheiben.

Am Himmel zogen graue, schwere Wolken einher und verdunkelten auf Augenblicke das kahle, unfreundliche Gemach. Man konnte dann nur noch die bleichen Gesichter der beiden Mädchen und die auf dem Fussboden verstreuten Blütenblätter von weissen Astern und hellfarbigen Rosen deutlich unterscheiden. Ein widerlicher Geruch von Karbol, Räucheressenzen, Cichorienkaffee und toten Blumen durchzog den Raum. … #ErsteSätze

Theodor Däubler: Der Marmorbruch. Erzählung.

Was war das für ein seltsamer, dichter Staub, der die Pinienstämme im Wald von Migliarino versilberte, als schiene der Mond? Wie ein metallisch glänzender Strom schlängelte sich die Straße durch die Sommernacht, und wenn ein Auto darauf vorüberglitt, brachen schwere, durchleuchtete Wolken flatternde Brandbänder ins Gebüsch und übersamteten mit ihren winzigen glitzernden Kristallen Pinienwedel und Brombeerhecken.

Mario Marin hielt sein Auto an; der Staub hatte die Scheinwerfer verschleiert und ihnen den klaren Blick genommen. Er stieg aus, putzte das Glas und wollte gerade wieder ans Steuerrad zurückkehren, als er im Licht seines Reflektors eine Gestalt erkannte, die stille zwischen den Stämmen stand. Geblendet schloß der Wanderer die Augen. Sein Gesicht zog sich in hundert Falten zusammen wie eine dicke Schnecke, die sich verscheucht in ihr Gehäuse zwängt; die vielen Runzeln seiner rostbraunen Haut drängten sich um die fleischige Nase, die fuchsigen Augenbrauen schlängelten sich unter dem ebenfalls roten Haarbusch hervor, der ihm tief in die Stirne hing, und die schwere, borstige Oberlippe klemmte sich krampfhaft unter das Nasenbein. … #ErsteSätze

Joseph Smith Fletcher: Der Verschollene. Roman.

Das Hotel »Zum Kardinalshut« in Brychester gehört zu jenen Gaststätten, die man nur noch in den ältesten Städten Englands findet. Früher waren die großen Gasträume gefüllt, in den Ställen stampften die Pferde, und vor den Türen standen Postwagen und Reisefuhrwerke. Aber seit der Einführung der Eisenbahn verlor das Hotel an Bedeutung und führte nur noch ein Schattendasein.

An einem schönen Herbstnachmittag stand der alte Oberkellner, der wie ein ehrwürdiger Kirchendiener aussah, nachdenklich in der Haustür und sah die Straße hinunter. Auf der anderen Seite erhob sich der majestätische Turm der großen Kathedrale, in der früher einmal ein Bischof am Hauptaltar die Messe gelesen hatte. Dicht daneben stand das schöne alte Marktkreuz, das zur Zeit der Tudors errichtet worden war. Es war nur wenig Verkehr auf der Straße. Ein paar Bauernwagen rollten über das holperige Pflaster, und hier und dort standen Nachbarn zusammen und besprachen die letzten Neuigkeiten. … #ErsteSätze

Olga Wohlbrück: Du sollst ein Mann sein! Roman.

Er wurde auf einem großen Amerikadampfer geboren, während eines heftigen Sturmes. Der Arzt übergab das Kind der Stewardeß, die sich kaum auf den Füßen halten konnte.

»Werft mich ins Wasser! Werft mich ins Wasser!« schrie die junge, blonde Wöchnerin.

»Aber es ist ja alles vorüber«, beruhigte der Arzt.

Bald war auch alles vorüber. Der Sturm legte sich. – Auch die Frau wurde still, ganz still – und gegen Abend war sie tot. Am nächsten Morgen versenkte man einen großen, zusammengenähten Sack ins Meer. Der Wind wehte den wenigen Passagieren, die sich zu der düsteren Feier eingefunden hatten, einen feinen, kalten Sprühregen ins Gesicht. Der Kapitän machte es kurz: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!« … Die Hüte, Mützen und Kappen flogen von den Köpfen  … #ErsteSätze

Annie Hruschka: Das Haus des Sonderlings. Roman.

Die drei Linden, die der kleinen Wirtschaft des Herrn Sebastian Lagler den Namen gaben und seinen »Gastgarten« bildeten, waren über Nacht erblüht. Ihr Duft mischte sich mit dem Geruch frischgekochten Kaffees, den der Wirt eben eigenhändig zu dem einzigen Gast trug, der unter den Linden saß und behaglich die Stille des Morgens auf sich wirken ließ.

»Nicht wahr, Herr, das schmeckt,« fragte er dann nach einer Weile stolz lächelnd. »So ein unverfälschter Trank und in der frischen Luft heraußen!«

»Ja, der Kaffee ist gut. Besonders, wenn man vorher schon drei Stunden bergauf und -ab marschiert ist und dann unerwartet auf ein so nett gelegenes gastliches Haus stößt. Komisch, daß ich von diesen »Drei Linden« noch gar nichts wußte!« … #ErsteSätze

Annie Hruschka: Das Geheimnis vom Brintnerhof. Roman.

»Nicht möglich. Wegen ein paar Kübel Kohlen fängt deine Schwiegertochter Streit an, Brintner?«

»Wie ich dir sage, Sonnenwirtin! Kohlen wären nicht ausbedungen im Kontrakt, den ich seinerzeit, als ich Haus und Hof dem Andres übergab, aufsetzen ließ. Als ob ich das nicht selbst wüßte! Als ob ich mir nicht jeden Herbst zwei Fuhren hätte einschaffen lassen! Aber, wenn es im April noch kalt ist wie im Jänner und mein Vorrat zu Ende ist, werde ich mir bei dem eigenen Sohn doch ein paar Kübel ausborgen dürfen! Hab’s der Magd ohnehin gesagt: Im Herbst gebe ich sie zurück! Aber nein. Bar zahlen hätte ich sie der Frau Schwiegertochter sollen! Und Andres – wie immer – ist gleich auf Justinas Seite. Wie sie sagt: ›Ja, wer weiß denn, ob der Herr Vater im Herbst noch lebt?‹ nickt er gleich: ›Freilich, freilich, wer kann das wissen?‹ Ja, liebe Berta, so springen sie mit mir um daheim und wundern sich dann noch, wenn ich zu dir gehe, um mich ein wenig auszureden und zu erholen!«

»So? Das ärgert sie auch?« … #ErsteSätze

Claude Anet: Ariane. Roman.

Ein Himmel von fast morgenländischer Klarheit, schön, rein, leuchtend und blau wie ein Türkis aus Nischapur dehnte sich über den Häusern und Gärten der noch schlummernden Stadt. Nur das Zwitschern der Spatzen, die einander auf Dächern und den Ästen der Akazien verfolgten, und das behagliche Gurren einer Taube vom Wipfel eines Baumes störten die tiefe Ruhe des frühen Morgens. Von weitem ertönte dann und wann das ächzende Knarren eines Bauernkarrens, der langsam auf dem holprigen Pflaster der Sadowaja, der größten und elegantesten Straße der Stadt, herankam.

Angrenzend an den breiten, staubigen, verlassenen Domplatz umschloß eine Holzverschalung den Hof des Hotel London, dessen eintönige lange Fassade mit drei Stockwerken aus grauen Steinen, verdrießlich wie ein regnerischer Herbsttag, ohne Erker, ohne Pfeiler, ohne Säulen, schmucklos in die Sadowaja starrte. … #ErsteSätze


Olga Wohlbrück: Das ist Russland. Erzählungen.

Das Gut der Sobatschnikoff ist eines der schönsten im Gouvernement Smolensk. Es heißt so nach dessen ersten Besitzer aus der Familie Sobatschnikoff. Freilich wurde der meist »Sobaka« genannt, was so viel wie Hund bedeutet. Und ein Hund war er.

Schon daß er nicht trank und nicht spielte wie alle früheren Gutsbesitzer, nahm die Bauern gegen ihn ein, denn man durfte nie etwas von seiner guten Laune erwarten. Launen hatte er überhaupt nicht. Nur eine unbezwingbare Habsucht. Ein hübsches Weib aus dem Dorfe mußte ihm ebenso gehören wie der gut bestellte Acker eines Bauern. Dazu waren ihm alle Mittel recht. Er verlieh Geld an die Bauern, ohne wie der Schankjude hohe Zinsen zu nehmen, aber wenn sie ihn nicht bezahlen konnten, jagte er sie unbarmherzig vom Hof oder stellte ihnen die härtesten Bedingungen. … #ErsteSätze


Olga Wohlbrück: Die Frau ohne Mann. Roman.

»Na Toni, wird’s bald?«

Es ist die Stimme ihres Mannes, liebenswürdiger als sonst. Aber doch mit dem ungeduldigen Unterton, den er ihr gegenüber nie ablegen kann.

Alles fliegt an ihr, ihre Finger gehorchen ihr nicht. Da schließt ein Haken nicht, dort guckt ein Band hervor. Sie fürchtet wie immer seinen kritischen Blick, weiß, daß er nie zufrieden mit ihr ist.

Aber heute ist der Ausnahmetag. Ihr Hochzeitstag. Ihrer. Er hat viele Hochzeitstage – wenn Hochzeitstag der Gedenktag ist erster körperlicher Vereinigung. Aber nein, daran will sie heute nicht denken. Sie zählt nur rasch: sieben, acht – nein, zehn Jahre sind es. Und immer ist es ihr wie ein Wunder, daß noch ein Jahr hinzugekommen ist. Freilich hat sie sich geduckt – hat alles in den Kauf genommen, nur daß er nicht fortging, und daß sie, von allen geachtet und geehrt, die Frau Fabrikbesitzer Doktor Antonie Kemper blieb. … #ErsteSätze


Theodor Däubler: Die Göttin mit der Fackel. Roman.

Der Frühlingssturm raste durch den Berliner Tiergarten. Er jagte die Blätter des alten Jahres um die Wette mit den Automobilen über den Asphalt, klapperte heftig mit den Fahnenschnüren an dem Gesandtschaftspalais, riß ganz plötzlich in der Villa Schott ein Fenster auf und fuhr in den großen, offenen Reisekoffer hinein, der, schon halb gepackt, mitten in einem Zimmer stand. Dabei lüpfte er leichte Seidenwäsche heraus und wehte sie unsanft in die Ecken, wo sie nun, übel zerknäult, am Boden kreiselte.

Das kam davon, daß Lenchen, die Zofe, hereingekommen war und daß es Durchzug gegeben hatte. Starr vor Schreck blieb sie in der offenen Tür stehn. Aber der Wind kümmerte sich nicht um den Ausdruck tiefsten Tadels, der ihre wasserblauen, verschwommenen Äugelchen für einen Augenblick verhärtete; er benutzte vielmehr den Durchschlupf, den sie ihm bot, und fegte ihr ein Paket seidener Tücher von der flachen Hand, so daß es aussah, als ob er eine weiße Blume zerpflückt und zerwirbelt hätte. … #ErsteSätze


Ada Christen: Der einsame Spatz. Erzählungen.

Arme Leute kaufen ihr Brennholz von dem Zimmerplatze weg. Es wird nicht in Wagen vor das Tor gefahren, sondern die Kinder gehen mit alten Tüchern hin und lesen an Spänen zusammen, was sie nur tragen können, bezahlen dann ein paar Groschen dafür und schleppen ihr Bündel auf dem Rücken nach Hause.

So wird es den ganzen Tag auf großen Zimmerplätzen nicht leer von den Kindern der Armen, und es setzt oft Püffe dort ab. Die Gesellen, der Werkmeister, oft der Zimmermeister selbst, fahren gelegentlich mit der Hand darein; am meisten aber prügeln sich die Kinder untereinander. So war es, als ich noch selbst ein Kind war, und so wird es wohl noch heute sein.

Bei Regen und Sonnenschein, vom ersten Frühlingstag bis es herbstlich zu frösteln begann, mußte ich hinaus auf den Platz und den Holzbedarf für den nächsten Tag heimtragen, ja sogar noch etwas darüber, denn ein Büschel Späne wurde immer an die Rückwand der stockfinstern Küche gelegt. Jeden Tag ein Büschel, das gab bis zum Herbst einen Vorrat, der bis an die Decke reichte und für manchen Wintertag vorhielt. … #ErsteSätze


Korfiz Holm: Herz ist Trumpf. Roman.

Die Sonne lauerte durch den Spalt der lichtbunten Vorhänge an dem Mansardenfenster und warf einen Streifen über das Fußende der breiten Bettstatt aus polierten vierkantigen Messingstäben, über die gelbseidne Steppdecke und die großen Füße, die darunter hervorgeschloffen waren und sich neugierig im Zimmer umsahen, erlöst gleichsam aus der Abhängigkeit von dem sie sonst regierenden Kopfe, der indes droben, eine Backe ins Kissen gewühlt, offnen Mundes schnarchte, in einem traumlosen Schlafe, dahinein nicht einmal das Gespenst eines Gerichtsvollziehers Zutritt hatte.

Ob es nun davon herrührte, daß der Straßenbahnwagen, der gerade unten vorüberdröhnte, das ganze, schön modern gebaute Haus ins Wanken brachte, oder ob den Sonnenstrahl wirklich das Lachen ankam – jedenfalls schüttelte er sich ein weniges; und es lag kein Grund vor, anzunehmen, daß das nicht vor Heiterkeit über dies Gemach und seinen Bewohner geschehen wäre.

Ein weltläufiger Mann, der unvorbereitet hätte raten sollen, wem dieses Schlafzimmer gehöre, würde es vielleicht einer galanten Dame zugeschrieben haben, aber dieser Kenner wäre mit seinem Indizienschluß hereingefallen. Denn in dem frivol prunkhaften Bette lag ein derber Kerl mit langen Gliedern und breitem schwarzhaarigen Bauernschädel. … #ErsteSätze


Jakob Wassermann: Laudin und die Seinen. Roman.

Der junge Mann kam schon zum zweitenmal an diesem Abend. Er bat das Mädchen, seine Karte der gnädigen Frau zu bringen und sie zu fragen, ob er auf den Herrn Doktor warten dürfe. Es war eine nicht besonders saubere Karte, auf welcher zu lesen war: Konrad Lanz stud. chem..

Pia Laudin ging gerade über den Korridor. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die Karte, einen ebenso flüchtigen auf den armselig gekleideten, etwa vierundzwanzig Jahre alten Menschen, der mit schmutzigen Schuhen, nassen Beinkleidern und nassem Havelock vor ihr stand, und sagte: »Mein Mann wird wahrscheinlich spät nach Hause kommen,« und mit einem mißtrauischen Nebenton: »Wollen Sie ihn als Anwalt sprechen?«

»Ja, als Anwalt, gnädige Frau,« war die zögernde, von einem bittenden Ausdruck unterstützte Antwort.

»Dann müssen Sie sich in die Kanzlei bemühen. Mein Mann ist tagsüber so anstrengend beschäftigt, daß er am Abend in seinem Hause unmöglich Klienten empfangen kann.« … #ErsteSätze


Ada Christen: Jungfer Mutter. Roman.

Die Geschichte, wie die Walter Hanni eine alte Jungfer geworden ist und warum sie von den Leuten in der Blauen Gans Jungfer Mutter genannt wurde, ist nicht so leicht und schnell zu erzählen, als man meinen könnte, daß sich ein armes kleines Leben erzählen läßt. Sie wundert sich heute noch, wenn man ihr sagt, daß sie viel erlebte, denn so eigentlich weiß sie nur, daß sie immer fleißig gearbeitet hat.

Sie ist vor der Zeit schneeweiß und alt geworden und hat nie eine andere Freude gehabt als ihr Kind.

Ihr Kind war der eheliche Sohn ihrer Jugendfreundin, der Weis Leni, welche sich längst Madame Madeleine Weis nennt. Der kleine Ziehsohn der Hanni wurde nach seinem Vater Leopold Weis getauft und wußte seit seinem zehnten Jahre, daß sein Vater sich ein Taschenmesser in das Herz stieß und zu Füßen seines wunderschönen Weibes starb. Sooft der kleine Polderl seine »Frau Mutter« sah, ging ihm das, was er gehört, durch den Kopf, mehr als einmal wollte er sie fragen: Warum? – aber er getraute sich nicht, sie war so schön und sah so vornehm aus und redete wenig mit ihm. … #ErsteSätze


Lily Braun: Die Liebesbriefe der Marquise. Roman.

Wenn die alte Gräfin Laval, in ihren tiefen Lehnstuhl behaglich zurückgelehnt, ein heiter sinnendes Lächeln um die feinen Lippen, von Delphine Montjoie zu sprechen begann, so pflegte ihre strenge Tochter, mit einem vielsagenden Blick auf die Jugend im Zimmer, ein »aber Mamachen!« warnend dazwischen zu werfen. Sie unterbrach sich dann stets, eine zarte Röte überzog ihre Elfenbeinhaut – ob aus Ärger, ob aus Verlegenheit? –, und für den Rest des Abends blieb sie schweigsam.

Kam eine ihrer Enkeltöchter allein zu ihr, so bedurfte es keiner langen Bitten, und sie erzählte der gespannt Aufhorchenden von der Ahnfrau, die das Zaubermittel besessen hatte, alle Herzen an sich zu fesseln. Der lachende Geist des Rokoko – halb Liebesgott, halb Faun – hatte seine Schäferlieder an ihrer Wiege gesungen, das Heldenepos Napoleon hatte ihr Alter umbraust; um ihr duftendes Lockenköpfchen hatte der Sturm von 89 getobt, und von dem Gewitter der Julirevolution war ihr eisgraues Haupt noch berührt worden. Schleifende Menuettschritte, rauschende Kleider, klappernde Stöckelschuhe, Sturmläuten, Kanonendonner, dazwischen ein Flüstern, ein leises Lachen, ein verhaltenes Schluchzen, – das war ihre Geschichte. … #ErsteSätze


Joseph Roth: Hiob. Roman.

Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus, das nur aus einer geräumigen Küche bestand, vermittelte er Kindern die Kenntnis der Bibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehnerregenden Erfolg. Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt und unterrichtet.

Unbedeutend wie sein Wesen war sein blasses Gesicht. Ein Vollbart von einem gewöhnlichen Schwarz umrahmte es ganz. Den Mund verdeckte der Bart. Die Augen waren groß, schwarz, träge und halb verhüllt von schweren Lidern. Auf dem Kopf saß eine Mütze aus schwarzem Seidenrips, einem Stoff, aus dem manchmal unmoderne und billige Krawatten gemacht werden. Der Körper steckte im halblangen, landesüblichen jüdischen Kaftan, dessen Schöße flatterten, wenn Mendel Singer durch die Gasse eilte, und die mit hartem, regelmäßigem Flügelschlag an die Schäfte der hohen Lederstiefel pochten. … #ErsteSätze


Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant. Biographie.

Ich kann nicht, wie so mancher andre es tut, meine Memoiren mit der Aufzählung vorväterlicher Herrlichkeiten und Heldentaten beginnen. Selbst von meinem Vater weiß ich nur, daß er ein verarmter und zu seinem Glücke mit Ruhm gefallener bretonischer Edelmann war, dessen Tod die ganze Erbschaft an Gütern und Ehren darstellte, die er seinem einzigen Sohne hinterließ. Die Erinnerungen an meine früheste Jugend bieten nur Bilder drückender Armut auf einem halbverfallenen Edelhofe, dazwischen einige holdere von heimlichen Streifzügen durch rotblühendes Heideland und Brombeergebüsch. Vergeblich suche ich rückschauend in diesen Erinnerungen nach einer Frauengestalt; nur rauhe Knechte haben mich erzogen. Mein besseres Leben begann erst, als mein Vater, den ich auch nicht häufig sah, die Klugheit hatte, sich neben Turenne und vielleicht von derselben Kanonenkugel töten zu lassen, und die Milde des allerchristlichsten Königs mich vor dem Schicksale manches herabgekommenen Landjunkers bewahrte, das da war, als geduldeter Kostgänger seiner leibeigenen Bauern in Trägheit und Unwissenheit zu verderben. Das Todesverdienst meines Vaters machte mich zum Schützling Ludwigs des Großen, zum Zögling seiner neugegründeten Schule und zum Erben getragener Prunkgewänder fürstlicher Knaben. Ich war zehn Jahre alt, als ich, ein wildes, scheues und vernachlässigtes Kind, nach Paris kam; zwei Jahre später war ich ein so schmucker und eitler kleiner Marquis, wie je einer in den schimmernden Sälen Versailles‘ gewandelt. … #ErsteSätze


Maria Janitschek: Despotische Liebe. Novelle.

Mertens schlug mit der Faust auf den Tisch. »Und i sags noch amal: a wilds Tier is sie.«

»Eine Heilige,« hauchte der Schulmeister.

»A raffinirts Frauenzimmer,« brummte der Gemeindeschreiber.

»Landes verweisen sollt ma sie«.

»Oder – heiraten.«

»Ja die und einen von uns zum Mann nehmen!«

»Du hast überhaupt nit mitzureden, Schulmeister.«

»Wieso nit? Soviel wie a Schreiber bin i a.«

»Aber z‘ jung bist, und z‘ unerfahren. Für die wärst nit mehr als a Puppen.«

»So, meinst? das wollten ma doch sehen! Wenns drauf ankäm‘ –«

»Lirum larum Löffelstiel.« … #ErsteSätze


Luise Ahlborn: Schloß Favorite. Roman.

Es war in den ersten Märztagen des Jahres 1720. Schwere Wolken zogen, von Süden kommend, sturmgepeitscht über die Schwarzwaldberge, brachten prasselnden Hagel- oder heftige Regenschauer mit sich und senkten sich über die weite Rheinebene zwischen Rastatt und Straßburg bis an die Höhen des Odenwaldes so tief auf das Land herab, daß es wie in graue Schleier dicht verhüllt dalag.

In dem halben Mondlicht, welches unsicher durch eine Lücke in den jagenden Wolken drang, sah man einen letzten Streifen Schnee matt aufleuchten und das Blitzen auf den fast aus ihrem Bette tretenden Wellen der Murg.

Der warme Tauwind bog die Spitzen der schlanken Tannen und Föhren, womit alle Berge rings vorwiegend bewaldet waren, hin und her wie dünne Gerten, zauste und riß die kahlen Äste der Eichen und Buchen, daß sie sich wanden wie in großer Not, und entwurzelte hier und dort einen Baum, der keine Hilfe und keinen Halt in der Nachbarschaft fand. … #ErsteSätze


Ricarda Huch: Die Geschichte von Garibaldi. Roman.

Im Sommer des Jahres 1846 bestieg der Kardinal Mastai unter dem Namen Pius IX. den Stuhl Petri. Das stumpfsinnige Regiment seines Vorgängers, Gregors XIV., hatte im Volke die Neigung erregt, von der Zukunft das Höchste zu hoffen, und da unter den patriotischen Männern, die damals Ratschläge gaben, wie das zerrissene und namenlose Land des Apennin zu heilen sei, einer war, nämlich Vicenzo Gioberti, der den römischen Papst als den ältesten und volkstümlichsten Fürsten der Halbinsel für den erklärte, der bestimmt sei, die vielen kleinen italienischen Staaten in seiner Hand zusammenzufassen und Italien zu nennen, war das Ergebnis der Wahl mit größerer Erregung als je erwartet worden. Von Giovanni Mastai-Ferretti war nicht viel bekannt, als daß er ein freundlicher, das Gute wollender Mann sei; zunächst indessen hoffte die Partei der Jesuiten ebenso sich seines Willens zu bemächtigen wie die der Patrioten. Zu den letzteren gehörte der Barnabitenpater Ugo Bassi; er eilte nach Rom und erhielt die Erlaubnis, im Kolosseum zu predigen; aber die gregorianische Partei, die noch herrschte, riet dem Heiligen Vater, wenn er denn einem Anhänger der Revolution, als welcher Ugo Bassi galt, das Wort gestatten wolle, ihn durch einen gegebenen Vorwurf der Rede, wie zum Beispiel die Süßigkeit der Armut oder die Wunderkraft des heiligen Namens Maria, zu binden. Ugo Bassi wählte die Süßigkeit der Armut. Die vielen jedoch, die um die Zeit des Ave Maria nach dem Kolosseum wanderten, erwarteten unter dem gemeinplätzigen Titel etwas ganz andres, das, was in den Herzen wühlte und nicht ans Licht durfte, auf irgendeine Weise zu hören: Freiheit, Vaterland, Größe und Auferstehung. … #ErsteSätze


Marie von Ebner-Eschenbach: Die Totenwacht. Erzählung.

Es war am Ende eines kleinen Dorfes im Marchfeld, das letzte, das ärmlichste Haus. Seine niedrigen Lehmmauern schienen jeden Augenblick aus Scham über ihre Blöße und all ihre zutage gekommenen Gebrechen in sich zusammensinken zu wollen. Das schiefe Strohdach bot nur noch einen sehr mangelhaften Schutz gegen Hitze und Kälte, Sturm und Schnee. Die Eingangstür, die des Schlosses entbehrte, war mit Stricken an den verrosteten Angeln befestigt, klaffte von allen Seiten und hatte längst aufgehört, eine feste Schranke zu bilden zwischen der Straße und dem einzigen Wohnraume der Hütte. Durch eine seiner Fensterluken drang ein schwach flackernder Lichtschein in das Dunkel der Oktobernacht. Er ging von einer Talgkerze aus, die am Fußende eines Sarges brannte. Der Sarg stand noch offen auf einem Schragen mitten in der Stube, und in ihm ruhte die Leiche einer kleinen, alten Frau. Sorgfältig angetan, mit dem Ausdruck seligen Friedens auf dem greisen Gesichte, nahm sie sich fast zierlich aus in ihrem letzten Bette. Ein weißes Tüchlein war um ihren Kopf gewunden und unter dem Kinn zusammengesteckt; die grauen Haare waren glatt gescheitelt, die Hände über der Brust gekreuzt und mit einem Rosenkranz umwickelt. … #ErsteSätze


Jeanne Marni: Stille Existenzen. Roman.

Auf dem Kirchhof Montmartre. Es ist zehn Uhr morgens an einem ausnahmsweise regenfreien Junitage.

Madame Mael, 39 Jahre alt. Sie ist immer noch schön, trotz ihrer frühzeitig ergrauten Haare.

Madame d’Alysse, 35 Jahre, eine schlanke, hübsche Blondine mit harten, grauen Augen und einem eigensinnigen Zug um den Mund.

Beide Damm sind in tiefer Trauer, sie tragen große Sträuße von Rosen, Narzissen, Iris und Stiefmütterchen. Sie begegnen sich am Eingang des Friedhofs.

Madame Mael: »Sie hier? Und zu dieser Tageszeit?«

Madame d’Alysse: »Wie Sie sehen. – Guten Morgen, Liebste.«

Madame Mael: »Guten Morgen, Madelon. Ich dachte, Sie wären schon auf dem Lande?«

Madame d’Alysse: »Wir haben unsre Abreise wieder verschoben. Das Wetter war gar zu schlecht. – Wie geht es Ihrer Tochter?« … #ErsteSätze


Hedwig Dohm: Werde die Du bist. Erzählung.

In der Irrenanstalt des Doktor Behrend, in der Nähe Berlins, machte eine alte Frau – sie mochte nah an sechzig sein – Aufsehen. Sie hatte feine, interessante Gesichtszüge, starkes graues Haar und große grünlich graue Augen. Niemals starrten diese Augen in’s Leere. Entweder schienen sie, erloschen für Außenwelt, innerlich etwas zu schauen, oder sie waren emporgerichtet, bald mit dem Ausdruck eines leidenschaftlichen, irrenden Suchens, bald mit Entzücken sich an einen Gegenstand festsaugend. Die Augen einer Seherin. Diese wundersamen Augen geben dem Kopf den Charakter einer jüngeren Frau.

Sie verhielt sich meist schweigsam. Zuweilen aber fing sie an zu reden, dann war es, als hielte sie Zwiesprache mit übernatürlichen Wesen. Unermeßliche Melancholie oder dithyrambische Verzückung atmeten ihre Worte. Sie sprach tiefsinnige und erhabene Gedanken aus, in einer Form, die an Nietzsches Zarathustra erinnerte.

Man hätte glauben sollen, daß diese alte Frau eine große Dichterin gewesen und daß ein Übermaß geistiger Erregung die Gehirnstörung bewirkt habe. Das Gegenteil war der Fall. … #ErsteSätze


Marie von Ebner-Eschenbach: Unsühnbar. Erzählung.

Die Vorstellung des »Fidelio« war zu Ende; das Publikum strömte aus dem Opernhause und zerstreute sich rasch nach allen Richtungen. Seit vierundzwanzig Stunden fiel Schnee, emsig, unablässig, in großen Flocken; er lag schwer auf den Dächern, verschleierte die Lichter in den Lampen, machte die Mühe der Wege ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich. Geräuschlos rollten die Equipagen vor; in Pelze gehüllte Männer und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen. Ein paar Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schönen in einen Comfortable mit zerbrochenen Fenstern. Wie der Wind sauste ein Fiaker nach dem anderen davon. Den Hut auf dem Ohr, den Schnurrbart gewichst, saßen die Eigentümer des »feschen Zeugels« etwas vorgebeugt auf ihrem Bock, in jeder Hand einen Zügel; und die Pferde griffen aus und gaben her an Lebenskraft, was sie geben konnten, um grüne Majoratsherrchen, hochgeborene Reiteroffiziere und Sportsleute so geschwind als möglich zum Spiel in den Jockeyclub zu bringen. An den Rand der Straße gedrängt, rumpelten dicht besetzte Gesellschaftswagen, von abgejagten Mähren geschleppt, von schlaftrunkenen Kutschern regiert, den Vororten zu. Solide Bürgersfamilien gingen wohlverwahrt, mit geschärftem Appetit – man wird so hungrig im Theater – nach Hause, wo ein kräftiges Abendessen sie erwartete, oder begaben sich in eine Restauration. … #ErsteSätze


Hans Fallada: Ein Mann will nach oben. Roman.

»Asche zu Asche! Erde zu Erde! Staub zu Staub!« rief der Pastor, und bei jeder Anrufung menschlicher Vergänglichkeit warf er mit einer kleinen Kinderschippe Erde hinab in die Gruft. Unerträglich hart polterten die gefrorenen Brocken auf das Holz des Sarges.

Den jungen Menschen, der hinter dem Geistlichen stand, schüttelten Grauen und Kälte. Er meinte, der Pastor hätte dem Vater die Erde sanfter ins Grab geben können. Doch als er nun selbst die Erde auf den toten Vater hinabwarf, schien sie ihm noch lauter zu poltern. Ein Schluchzen packte ihn. Aber er wollte nicht weinen, er wollte nicht hier weinen vor all diesen Trauergästen, er wollte sich stark zeigen. Fast hilfeflehend richtete er den Blick auf den Grabstein von rötlichem Syenit, der senkrecht zu Häupten des Grabes stand. »Klara Siebrecht, geboren am 16. Oktober 1867, gestorben am 21. Juli 1893« war darauf zu lesen. Von diesem Stein konnte keine Hilfe kommen. Die goldene Schrift war vom Alter schwärzlich angelaufen, das Sterbedatum der Mutter war zugleich sein Geburtstag; er hatte die Mutter nie gekannt. Und nun würde bald auch der Name des Vaters auf diesem Stein zu lesen sein mit dem Todestag: 11. November 1909.

Asche zu Asche! Erde zu Erde! Staub zu Staub! dachte er. Nun bin ich ganz allein auf der Welt, dachte er, und wieder schüttelte ihn ein Schluchzen. … #ErsteSätze


Rudolf Herzog: Das große Heimweh. Roman.

Indianischer Sommer …

Die Luft angefüllt von der Wärme vergangener Sonnentage, geklärt und gemildert durch das wachsende Alter des Jahres. Die Wälder aufflammend wie Opferfeuer, die sich im Prunk ihrer purpurnsten, golddurchschossenen Farben in Selbstberauschung zu verbluten trachteten, bevor der Winterschnee sie erstickte.

Die ganze Natur, das große Sterben vor Augen, nahm noch einmal alle ihre Kräfte zusammen zu einem leuchtenden Lebenslied, das den Tod nicht achtet im stärkeren Auferstehungsgedanken. Und das Lebenslied im pennsylvanischen Bergwald jauchzte in Wogen, die die Farbenskala des Goldes durchjagten, vom lichtesten Gelb zum blutigsten Rot, von den hellen Tönen der Zitterbirken und Blauweiden hinübergreifend zum gesteigerten Farbenrausch der Ahorne und Linden, der Ulmen, Platanen und Walnußbäume und im Triumph verharrend im Flammenmeer der Purpureichen. Wie Fahnenträger des urewigen Glaubens der Natur ragten über den Brand hinaus die sattgrünen Wipfel der Weymouthskiefer, der Hemlocktanne und Douglasfichte, die nach dem stillen, blauen Himmel langten. … #ErsteSätze


Virginia Woolf: Orlando. Roman.

Er – denn es war kein Zweifel über sein Geschlecht möglich, wenn auch die Mode der Zeit bemüht schien, es unkenntlich zu machen – er also war damit beschäftigt, den vom Sparrenwerk herabbaumelnden Kopf eines Mohren säuberlich zu zersäbeln. Dieser Kopf hatte die Farbe und mehr oder weniger auch die Form eines alten Fußballs, wenn man von den eingetrockneten Wangen und ein paar Strähnen groben, dürren Haares absah, das den Fasern einer Kokosnuß glich. Orlandos Vater (vielleicht war es auch sein Großvater gewesen) hatte den Schädel von den Schultern eines gewaltigen Heiden heruntergeschlagen, der sich unter dem Mond der barbarischen Schlachtfelder Afrikas wider ihn erhoben hatte; und nun hing er in dem mächtigen Hause des Lords, der ihn abgehauen hatte, und schwang sacht schaukelnd und unablässig in der Brise, die ohne Unterlaß durch die Räume des Dachgeschosses strich.

Orlandos Väter waren auf vielen Schlachtfeldern geritten – auf Asphodillfeldern und steinigen Feldern und Feldern, die von fremden Flüssen getränkt wurden; und sie hatten vielerlei Köpfe von vielerlei Farben von vielerlei Schultern gehauen und sie heimgebracht, um sie vom Sparrenwerk herabbaumeln zu lassen. Orlando wollte es ihnen gleichtun, das gelobte er. Da er aber erst sechzehn Jahre zählte und noch zu jung war, um mit ihnen in Afrika oder Frankreich zu reiten, so stahl er sich von seiner Mutter und den Pfauen im Garten hinweg und ging in die Dachkammer, um da seine Hiebe und Stöße zu führen und mit der Klinge die Luft zu zerhauen. … #ErsteSätze


Karl von Holtei: Schwarzwaldau. Roman.

Schwarzwaldau liegt in einer flachen Sandgegend, seitab von der alten Straße zwischen Dresden und Berlin. Es ist, worauf schon sein Name hindeutet, von tiefen, weitverbreiteten, herrlich bestandenen Nadelholz-Waldungen umgeben, in denen zur Zeit unserer Erzählungen die mörderischen Aexte schachernder Holzhändler und ihrer Regimenter verhältnißmäßig noch wenig gewüthet hatten, weil weder eine große Stadt, noch eine leicht fahrbare Land- oder Kunststraße durch ihre Nähe den Absatz begünstigte. Das Dorf zieht sich an breitem Sandwege eine Viertelstunde lang hin; die Kirche befindet sich in der Mitte des Dorfes. Ganz am Ende erst erhebt sich des Gutsbesitzers Wohnhaus, dessen Größe und gediegene, fast mittelalterliche Bauart an dieser Stelle überrascht. Noch überraschender wirkt in solcher, nur durch magere Getreidefelder unterbrochenen Waldung ein blühender Garten und daran grenzender frisch grünender Park, der sich mit kühlen Landseen, sammtenen Wiesen, heiteren Gruppen saftiger Laubhölzer wie ein großer Kranz um die massiven Wirthschaftsbauten schlingt. Man erkennt auf den ersten Blick, daß es der Wille eines früheren, sehr reichen Besitzers gewesen sein muß, welcher derlei Anlagen inmitten alter Kiefer- und Fichten-Wälder schuf, weil – es ihm eben so beliebte; ohne Rücksicht auf Zinsenertrag von den daran verwendeten, (ein strenger Landwirth dürfte sagen: verschwendeten), großen Summen. … #ErsteSätze


Alfred Schirokauer: Alarm. Roman.

John Rutland warf die Serviette auf den Tisch, der Butler zog den Stuhl unter ihm fort. Das Diner hatte wieder genau 9½ Minuten gedauert. Es war die hastige lieblose Mahlzeit eines einsamen Mannes.

Rutland ging zur Tür der Bibliothek. Wisdom, der Butler, öffnete sie, der Herr nickte ihm kurz zu, Wisdom flüsterte: »Gute Nacht, Sir«, und damit war sein Dienst für heute erledigt.

Abend für Abend, wenn den leitenden ersten Direktor von Killick & Ewarts, der größten Waffenfabrik und mächtigsten Schiffsbauwerft Englands, nicht gesellschaftliche Pflichten riefen, schloß sich um halb neun hinter ihm die Tür der Bibliothek seines stillen Hauses in Egerton Terrace im Viertel Brompton zu London.

Unten im Souterrain saß geruhsam die Dienerschaft und plauderte. Dem weiblichen Teil des Personals spendete der geheimnisvolle Herr des Hauses einen unerschöpflichen Gesprächsstoff.

»Ich bin überzeugt«, sagte Amy, das sehr hübsche Stubenmädchen, das erst kurze Zeit hier in Stellung war und sich bisher vergeblich bemüht hatte, einen bewußt aufmerkenden Blick Rutlands zu erhaschen, »ich bin überzeugt, er haßt die Frauen.«

Die Köchin Jane, die seit fünf Jahren hier unten das Regiment führte, schüttelte gelassen ihr üppiges Doppelkinn. … #ErsteSätze


Camille Lemonnier: Die Liebe im Menschen. Roman.

Der Arzt spielte mit seinem goldenen Stifte und verordnete mir »eine beruhigende Lebensweise«. O nein, daran liegt es nicht; das Übel wurzelt anderswo. Die Nerven und der Geist sind angegriffen. Gut, ich weiß dies alles – dennoch ist es ein Anderes.

Auf der Straße zuckte ich mit den Achseln und zerriß das Geschreibsel. Da ging eben ein hübsches Kind vorbei und blickte mich an. Ich kenne sie nicht; ich habe sie niemals gesehen; dennoch kennt diese mein Übel besser als die Ärzte.

Vielleicht, daß ich ein uralter Mensch bin. Ich trage den Menschen in mir, der ich schon in den Fernen meines Geschlechtes war. Ja, damals schon tobte dieses Weh in mir, mein Blut glühte. Und ich bin kaum dreißig Jahre alt.

Bei uns zu Hause lebte ein schöner rüstiger Greis, eine Art Riese, der mit erhobenen Armen an die Decke reichte. Den Winter über wirkte er oben in seinem ungeheizten kleinen Zimmer Netze. Er war ein guter Mann, der die Jagd und die Fischerei liebte. … #ErsteSätze


Henry Harland: Des Kardinals Schnupftabakdose. Roman.

»Wird der Signorino Kaffee nehmen?« fragte die alte Marietta, als sie ihm das Obst hinsetzte.

Peter überlegte einen Augenblick, dann verbrannte er seine Schiffe hinter sich und sagte: »Ja.«

»Aber vielleicht im Garten?« schlug das braune alte Weib in schmeichelndem, überredendem Ton vor.

»Nein,« verbesserte er sie freundlich lächelnd, »nicht vielleicht, ganz gewiß.«

Ihre kleinen, scharfen, schwarzen, echt italienischen Augen zwinkerten.

»Unter der großen Weide am Ufer des Wassers wird der Signorino einen einfachen Gartentisch finden. Soll ich ihn dorthin bringen?«

»Wohin Ihr wollt. Ich gebe mich ganz in Eure Hand,« sagte er. … #ErsteSätze


Maria Leitner: Sandkorn im Sturm. Novelle.

Sara hob den Spiegel mit der rechten Hand, mit der linken hielt sie über der Brust ein goldfarbenes, schillerndes Seidentuch fest. Sie sprach mit ihrem Spiegelbild wie ein Kind, das sich von Erwachsenen unbeobachtet weiß.

»Sara ist schön«, flüsterte sie. »Weißes, weiches Gesicht, keine Falten, keine Runzeln. Sara ist jung, vierundzwanzig Jahre, das ist kein Alter. Alle Zähne heil, weiß. Kannst lachen, soviel du willst, Sara. Bist jung und schön, Sara. Brauchst dir nichts gefallen zu lassen.« Sie horchte. Alles blieb still. Das Kind spielte irgendwo. Kein Mensch war in der Gaststube. Die Schwiegereltern schliefen. Wie gut, allein zu sein.

Aber schon hörte sie unten Stimmen, die Schritte der Alten. Gleich wird die Schwieger kommen und sie rufen. Nie darf sie allein sein, nie. Ein Arbeitstier ist sie, nichts weiter. Ihr lächelndes Gesicht wurde böse, die dunklen, feuchten Augen kalt und stechend. Sie stand da bewegungslos und wartete. … #ErsteSätze