Unsere aktuellen Neuerscheinungen

Emma Haushofer-Merk: Der Schatten der Vergangenheit. Novelle.

In einem Garten, dicht am Rhein, saßen zwei Frauen: Mutter und Tochter. Es war buntes Blühen um sie her; das grelle Gelb des Goldregens, das zarte Blau rankender Glycinen, der blasse Purpur des Rothdorns und das Violett des spät ausgeschlagenen Flieders vereinten sich zu einem Farbenspiel, wie nur die Natur es hervorbringt; und durch die Luft zog jener süße Wohlgeruch, der den Maitagen noch in der Erinnerung ihren unvergleichlichen Reiz verleiht.

Frau Therese Link hob die Augen von der Zeitung, in welcher sie gelesen hatte.

»Die Luftschifffahrt macht wirklich bedeutende Fortschritte,« sagte sie. »Ich bin neugierig, ob wir es noch erleben, daß man fliegen kann.«

Ihre Tochter hatte seit geraumer Zeit die Handarbeit in den Schoß sinken lassen und einem der großen Dampfer nachgeblickt, der vor ihnen rheinabwärts vorüberrauschte. … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Unterwegs. Novelle.

Mit einem Seufzer der Befreiung, mit einem wahren Glücksausdruck in den lustigen braunen Augen betrat die junge Gouvernante ihr Zimmer. Ihre Zöglinge schliefen. Nun, endlich, konnte niemand mehr von ihr Geduld und Aufmerksamkeit fordern. In diesen köstlichen Abendstunden gehörte sie sich selbst.

Sie lehnte sich zum Fenster hinaus. An dem Sommerhimmel war noch letzte, verdämmernde Helle. Sie konnte ein Stückchen vom Rhein sehen, der hier träge zwischen den flachen Ufern dahinfließt. Immer, wenn sie diese eintönige Landschaft betrachtete, packte sie das Heimweh nach München, nach der frischen Bergluft, die an Abenden über die Hochebene hinstrich. Sie dachte an das kleine Vorstadtgärten, wo nun wohl die Familie beisammen saß, der Vater seine Pfeife rauchte, die Mutter strickte, und die jüngeren Geschwister sich an den Stachelbeerstauden herumtrieben.

Mitten in der Üppigkeit des reichen Kaufherrnhauses, in dem sie nun wohnte, bekam sie Sehnsucht nach jener Einfachheit, … #ErsteSätze


Paul und Victor Margueritte: Zwei Frauenleben. Roman.

Charlie de Bréars war erwacht. Nicht in seinem einfachen Junggesellenheim in dem altersgrauen Hause zu Versailles, sondern im Schlosse Bouvières.
Nach dem allzu üppigen

Champagnersouper hatte er in dem fürsorglich überheizten Zimmer, in einem breiten weichen Bett, schlecht geschlafen. Gewiß, seine guten Vettern verstanden es, sich das Leben bequem zu machen!

Er drehte das Licht auf und musterte das Zimmer: Ein Kamin, in dem man ganze Bäume verheizen konnte, tiefe Fauteuils, schwere Teppiche und ein Toiletteraum mit luxuriösem Bad und allerlei Duschen. Der ganze übertriebene Komfort der Einrichtung widerstrebte seinem einfachen, fast puritanischen Geschmack. Denn, obwohl Charlie de Bréars in der großen Welt lebte und zu ihr gehörte, zeichnete ihn ein Ernst der Lebensauffassung aus, der seiner Jugend kaum entsprach. Er führte ein nüchternes, reines, tätiges Leben, arbeitete an seiner Bildung und ging in seinem Beruf als Offizier auf. … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Fräulein Karoline. Novelle.

Es war zuletzt recht heiß geworden auf der nur von Weidengebüsch umwachsenen Landstraße, die sich am Flusse hinzog, und Walter Lange hatte schon einen tüchtigen Morgenmarsch hinter sich. Aber nun hatte er ja vorläufig sein Ziel erreicht. Da lagen im hellen Sonnenschein die stattlichen Baulichkeiten des Schloßgutes, das er, da ihn seine Fußwanderung vorüber führte, besichtigen wollte, wenn die Empfehlung an den Verwalter, welche ihm ein Freund mitgegeben hatte, ihm wirklich Einlaß verschaffte. Im Moment lockte ihn freilich der frischgemähte Wiesenfleck unter einem prächtigen Ahorn viel mehr, als die berühmte Musterwirtschaft Hohenstein, die der grünumwachsene Zaun umschloß.

Das Ränzel abwerfen, sich im Gras ausstrecken — war das köstlich! Ruhe — Schatten — eine Cigarre!

Durch die weitverzweigten Äste schimmerte der blaue Himmel herein; hier und da kam ein Wölkchen Duft von Rosen und Reseden. … #ErsteSätze


Helene Böhlau: Isebies. Roman.

Kennt ihr das Erschauern in einsamer Abendstunde, im stillen, lampenerhellten Zimmer? Der Regen fällt, der Wind weht, die Seele ist nicht kräftig wie in sonnendurchleuchteter Mittagsstunde. Schatten sind über sie gefallen. Ihr kennt die Wehmut dieser Stunden, die Sehnsucht dieser Stunden, die herzzerreißende Sehnsucht nach Vergangenheiten, das Rückwärtsschauen, das Rückwärtsleben – und das stille Bangen vor der Zukunft.

Die Vergangenheit hebt ihr Haupt und lächelt euch zu, wie nur die Vergangenheit lächeln kann. Ihr sehnt euch nach Tränen; aber dieses Lächeln wehrt jeder Träne, denn es ist schmerzlicher wie alle Tränen der Erde. Es ist ein Lächeln, das jeder Lebendige kennen lernt, – an das er sich nie gewöhnt, das ihn immer von neuem das Herz beengt. Er weiß nicht, wie er sich dagegen wehren soll. – Dies erstorbene Lächeln tut unsagbar weh; es zu schauen, zu empfinden ist eine der größten Seelenpeinen dieser schweren, dunkeln, geheimnisvollen Erde, auf der wir wohnen müssen. – Die fröhlichsten, seligsten Dinge sind zu den wehesten geworden. – Große vergangene Schmerzen aber legen ihre frommen Hände segnend auf das müde Herz. … #ErsteSätze


Berta Katscher: Der Steinwurf. Erzählung.

»Piroska, spute dich und spar’ dir das Träumen für eine gelegenere Zeit auf! Man sollte wirklich meinen, daß du den Sonnenuntergang zum erstenmal in deinem Leben siehst! Wie albern doch alle Frauenzimmer sind!«

Die schmucke Bauerndirne, an welche diese nicht gerade höflichen Worte gerichtet waren, stand, an ihren Rechen gelehnt, mitten auf einer großen Wiese und blickte träumerisch nach dem hinter den Bergen versinkenden glutroten Ball. Sie schien die Bemerkung des ungeschlachten Burschen, der wenige Schritte von ihr entfernt das Heu umwandte, gar nicht gehört zu haben, denn sie änderte ihre Stellung nicht im geringsten.

»Ich möchte wissen, wie lange du noch starr wie ein angemaltes Bild da stehen wirst, statt nach deiner Arbeit zu sehen, wie es sich gehört. Du gibst den Taglöhnern ein nettes Beispiel, das muß ich sagen!« … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Eine Lüge. Novelle.

Ein Fremder hatte sich den Eintritt in die Säle des kunsthistorischen Museums zu D. an einem Tage verschafft, an welchem dieselben sonst dem Publikum nicht zugänglich waren. So schritt er allein durch die hohen, ernsten Räume; der Aufseher folgte in bescheidener Entfernung.

Der Fremde mochte dem Schnitt seiner Kleider und seiner ganzen Erscheinung nach für einen Engländer gehalten werden, aber seine Haltung zeigte keineswegs die für den reisenden Briten sprichwörtlich gewordene Kälte und Blasiertheit; in scheuer Ehrfurcht, fast andächtig wie in einer Kirche, blickte er auf die hohen, marmornen Götterbilder, und seine harten, wettergebräunten Züge verrieten den mächtigen Eindruck, … #ErsteSätze


Maria Janitschek: Eine Liebesnacht. Roman.

Hermias stand noch immer an der Türe.

Da Severus keine Miene machte, ihn herein zu rufen, sagte er bescheiden: »Du hast mich kommen heißen, Herr! Wenn du aber jetzt, nach dem Bad, müde bist, so will ich später vorsprechen.«

Severus öffnete träge die Lider.

»Braucht der Troß draußen zu hören, was hier verhandelt wird?« . . . . .

Hermias hagere Gestalt schob sich näher. Seine Tunika war nicht besonders rein, und er bog die Hände zu Fäusten zusammen, um die unsaubern Fingernägel zu verbergen.

»Ich war in den Gärten. Habʼ Umschau gehalten. Den Kirschen ist, wie Lucius im Frühjahr berichtet hat, von den Sperlingen viel Unbill geschehen, desto reicher ist die Ernte des andern Obstes. Die Äpfel- und Birnbäume waren schwer mit Früchten beladen. Bereits habe ich Kammern und Keller voll, und noch ist die Hälfte —« … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Aus Mitleid. Novelle.

Regierungsrat Forstner ging an diesem Nachmittage einen ganz ungewöhnlichen Weg nach der Vorstadt im Nordosten Münchens. Es war ein seltenes Ereignis, wenn er einmal seine gleichmäßige Stundeneinteilung änderte. Sonst begab er sich mit solcher Pünktlichkeit ins Bureau, machte so genau zur selben Zeit seinen Nachtisch-Spaziergang durch den Hofgarten und die Maximilianstraße, daß man nach seinem täglichen Erscheinen die Uhr hätte richten können. Er war etwa vierzigjährig, ein mittelgroßer, etwas zur Körperfülle neigender Mann, mit einem gutmütigen Ausdruck des vollen brünetten Gesichtes und einem kindlich treuherzigen Blick aus braunen frischglänzenden Augen.

Sein Vorgesetzter, der Justizminister, hielt große Stücke auf den Regierungsrat und nannte ihn seine rechte Hand. Forstner besaß auch einen Arbeitseifer und eine Pflichttreue, in denen es ihm nicht leicht ein anderer gleich that. Sein Amt bedeutete für ihn den Inhalt seines Daseins; es mußte ihm Weib und Kind und Gesellschaft ersetzen, er kannte nichts anderes als seinen Beruf. … #ErsteSätze


Emma Haushofer-Merk: Die ersehnte Stunde. Novelle.

Auf einer Bank am Schluchtenweg, ganz nahe bei dem Kärntner Dörfchen Mallnitz, saß ein junges Mädchen völlig versunken in einen Brief. Es stand im Grunde nicht viel auf dem Blatt, das sie in der Hand hielt. Allerdings, der gelbe Bogen war voll geschrieben, aber mit so großen Buchstaben, in so mächtigen Zügen, daß sich rasch eine Seite füllte. Sie aber konnte immer wieder, wenn sie zum Schlusse gekommen war und eine Weile lächelnd vor sich hin geträumt hatte, bei den ersten Worten von vorne anfangen: »Meine liebe, schöne Heddy!«

Es war wunderbar kühl in dem stillen Winkel, in dem sie ihren Brief genoß. Nur über die hohen Tannen sah man den heißen Sommerhimmel hereinblinzeln. Um sie her wildes Felsgewirr, von feuchtem Moos, üppigen Farnbüscheln und großen Huflattichblättern überwuchert; aufeinander getürmte Steinbrocken, zwischen denen noch da und dort ein Fichtenbäumchen aufsproßte, aber auch manch alter, niedergestürzte Baum vermoderte. Mit rasender Wucht schoß der Bergbach talabwärts, in gischtschäumenden Fällen über die Steinblöcke weg, … #ErsteSätze


Jakob Wassermann: Etzel Andergast. Roman.

Obschon ich mir bewußt bin, daß die im folgenden erzählten Vorgänge nichts von einer weltbewegenden Katastrophe an sich haben, bin ich doch der Meinung, daß sie beträchtlich in das Leben der Epoche eingreifen; vielleicht stellen sie sogar einen wichtigen Teil jenes Verlaufs dar, den man die innere Geschichte der Menschheit nennen könnte, ein im ganzen genommen wenig erforschter Bezirk. Und wenn die Ereignisse den stürmischen Gang vermissen lassen, der einen solchen Anspruch in den Augen der meisten erst zu rechtfertigen vermag, so ist es möglicherweise die Tiefe, in die sie hinabreichen, wodurch sie den Mangel ausgleichen. Es gibt auch im privatesten Dasein keine Veränderung, die nicht von den größten Wirkungen begleitet sein könnte. Unter Umständen ist es die Minierarbeit einer Kolonie von Mäusen, die einen Berg zum Einsturz bringt.

Der Kreis, den ich zu umschreiben habe, bedeckt eine so ungeheure Fläche, und die Personen, deren Geschicke sich innerhalb seiner Peripherie erfüllen, sind so verschiedenartig und vielschichtig, daß ich schlechterdings daran verzweifle, im einzelnen zu Bild und Figur zu gelangen. Der Kreis, den ich zu umschreiben habe, bedeckt eine so ungeheure Fläche, und die Personen, deren Geschicke sich innerhalb seiner Peripherie erfüllen, sind so verschiedenartig und vielschichtig, daß ich schlechterdings daran verzweifle, im einzelnen zu Bild und Figur zu gelangen. … #ErsteSätze


Alma Johanna Koenig: Nero – der jugendliche Gott. Roman.

Ein elfjähriger Knabe schlich sich durch den Garten der Lepida. Der Regen strömte in Güssen auf ihn herab. Der braune Sklavenmantel, der ihm bis auf die Füße reichte, färbte sich auf den Schultern in breiten Flecken dunkel vor Nässe und auf der Brust im Tupfenmuster dunkel vor Tränen.

Das Gebüsch rauschte nah und schaurig, so daß der Knabe vor Angst zu laufen begann. Aber als der Hund Argos im Häuschen des Torwächters zu bellen anhob, erstarrte er vor Schreck und verharrte lange in einem Tümpel hockend, weil er gelesen hatte, daß die Bluthunde im Wasser die Spur verlören. Er haßte den Hund Argos und in ihm alle Hunde der Welt.

Jetzt endlich erreichte er das Palasttor.

Es war hoch und bronzen und alt. Sein mächtiger Riegel lief in Haspen über die ganze Flügelbreite. Der Knabe legte seinen lodenen Mantel um den Griff und zog und zerrte mit aller Kraft an ihm. Er keuchte, seine Zunge trat zwischen den Zähnen vor, seine regennasse, sehr schmutzige Hand glitt ab und er scheuerte sich an einer der gehämmerten Verzierungen die Fingerknöchel blutig. … #ErsteSätze


Alfred Schirokauer: Mirabeau. Roman.

Wie ist einem Verbrecher am nächsten Am Rande des Olivenhaines, mit dem das Städtchen Manosque sich gegen das flache Land gürtete, schritt Mirabeau auf und nieder. Trotz der südlich sengenden Hitze des Maitages lief er mit hastigen gehetzten Schritten von einem Ende des Wäldchens zum anderen. Der Mann glühte und dampfte in innerem Aufruhr, dicke Schweißtropfen sickerten aus dem dichten Haare hervor, rieselten über das pockennarbige wuchtige Gesicht. Er spürte es nicht. Seine Gedanken siedeten.

Er wandelte in den Wehen seiner ersten ernsthaften literarischen Arbeit. Ein Posaunenruf sollte sie werden! Ein Fanfarenstoß, daß die Perücken wackelten. Eine Kampfansage an die Regierung und ihre Mißbräuche. »Über den Despotismus.« So sollte sie heißen.

Die Gedanken überstürzten sich. Die Hände gestikulierten in der flimmernden Luft. … #ErsteSätze


Frank Heller: Herrn Collins Abenteuer. Roman.

Wie ist einem Verbrecher am nächsten Tage zumute? –

Das steht in mehr als tausend Büchern beschrieben. Hätten Sie Philipp Collin gefragt, er würde gesagt haben: Genau wie sonst.

Im Jahre 1906, in dem diese Erzählung beginnt, war Philipp Collin ein schwarzhaariger, mittelgroßer Herr, mit klugen schwarzen Augen, einem kleinen verwegenen Schnurrbart und einem gewinnenden Aussehen. Außerdem war er ein Verbrecher, denn es gab nicht weniger als vier oder fünf Paragraphen im schwedischen Reichsgesetz, die ihn nötigten, jede Begegnung mit den Repräsentanten dieser Gesetze zu vermeiden. Was seine Stellung noch unbehaglicher machte, war, daß auch diverse Stellen des dänischen Gesetzbuches genau auf seine Lage paßten.

Philipp Collin war also ein Verbrecher, nachdem er vorher Jurist gewesen war. Wie war dies zustande gekommen? Das ist eine Frage, die er vermutlich kaum selber hätte beantworten können. … #ErsteSätze


Joseph Conrad: Das Herz der Finsternis. Roman.

Die Nelly, eine seetüchtige Jolle, schwoite an ihrem Anker ohne die leiseste Regung in den Segeln und hielt Rast. Die Flut hatte begonnen, es war fast völlig windstill, und da wir stromabwärts wollten, so hatten wir weiter nichts zu tun, als liegenzubleiben, und das Kentern des Stromes abzuwarten.

Die Themsemündung dehnte sich vor uns wie der Anfang einer ungeheuren Wasserstraße. Draußen waren die See und der Himmel fugenlos zusammengeschweißt, und in dem leuchtenden Raum schienen die gegerbten Segel der Leichter, die mit der Flut herauftrieben, reglos still zu stehen, als scharf umrissene rote Leinwandstücke, vom Lackglanz der Spriete gehöht. Ein leichter Dunst lagerte über den niedrigen Ufern, die gegen die See zu ganz flach verliefen. Die Luft über Gravesend war dunkel und schien noch weiter zurück zu einer finsteren Wolke verdüstert, die unbeweglich über der größten Stadt der Erde lagerte.

Der Direktor der Handelsgesellschaft war unser Schiffer und Gastgeber. Wir vier betrachteten wohlwollend seinen Rücken, während er im Bug stand und seewärts Ausschau hielt. Auf dem ganzen Strom war sicher nichts zu finden, das halb so seemännisch ausgesehen hätte. Er erinnerte an einen Lotsen, … #ErsteSätze


Joseph Conrad: Lord Jim. Roman.

Es mochten ihm ein bis zwei Zoll zu sechs Fuß fehlen; er war ungewöhnlich kräftig gebaut und pflegte, den Kopf vorgestreckt, mit leicht eingezogenen Schultern und einem starren Blick von unten her schnurstracks auf einen loszukommen, was an einen Stier in Angriffsstellung gemahnte. Seine Stimme war tief, laut, und in seiner ganzen Art lag eine gewisse knurrige Selbstbehauptung, die doch nichts Feindseliges hatte. Sie schien notwendig zu seinem Wesen zu gehören und war offensichtlich ebensosehr gegen seine eigene Person wie gegen jeden anderen gerichtet. Er war makellos sauber, vom Kopf bis zum Fuß in blendendes Weiß gekleidet, und stand in allen Häfen des Orients, wo er schon als Wasserkommis eines Schiffslieferanten seinen Unterhalt gefunden hatte, in hohem Ansehn.

Ein Wasserkommis braucht in gar keinem Fach sein Examen abzulegen, doch muß er Geschicklichkeit in abstracto besitzen und sie praktisch beweisen können. Seine Arbeit besteht darin, andern Wasserkommis unter Segel, Dampf oder Ruder den Rang abzulaufen, wenn ein Schiff vor Anker gehen will, den Kapitän freudig zu begrüßen, indem er ihm eine Karte aufzwingt – die Geschäftskarte des Schiffslieferanten – und ihn bei seinem ersten Besuch an Land bestimmt, … #ErsteSätze


Felix Salten: Der alte Narr. Novellen.

»… ich habe in meinem ganzen Leben kein Glück gehabt …«

Während der Bittsteller diese Worte aussprach, blinzelte der Minister, denn er mußte jedesmal blinzeln, so oft vor seinen Augen eine Ungeschicklichkeit geschah. Ein kleiner Widerstand begann sich heftig in ihm zu regen. Habe ich vielleicht Glück gehabt? dachte er. Sind wir denn in einem Hasardspiel, wo jeder Dummkopf gewinnen kann? Er wendete den Kopf, sah in eine entfernte Ecke des Zimmers und dachte: dieser Mensch wird jetzt lauter Dinge sagen, mit denen er sich schadet.

Der Bittsteller neigte sich ein wenig über den Schreibtisch des Ministers. Die weite Fläche dieses Schreibtisches lag vor ihm da wie ein Panorama; breitete sich vor ihm aus wie ein wohlgeordnetes, prunkvolles Reich. Er empfand eine heiße Sehnsucht und sagte mit klagender, Einlaß begehrender Stimme: »… es hat mir auch immer an Protektion gefehlt … ja …«

Der Minister blinzelte. Das war ein falscher Ton. Er seufzte leise. Wieder einer, dachte er, dem es nicht einfällt, daß man sein Leben selber in beide Hände nehmen und vorwärts tragen muß. … #ErsteSätze


Margarete Boie: Der Sylter Hahn. Roman.

Es muß in den zwanziger Jahren des siebzehnten Jahrhunderts gewesen sein, als in einer stürmischen Herbstnacht eine holländische Kuff auf den Rantumer Strand lief. Die Nacht war schwerdunkel, und die Männer, die den Strand nach antreibendem Gut abliefen, hatten noch kaum das Wrack ausmachen können, ehe der trübe Tag anbrach. Der Himmel lastete tief über der rollenden See; grau und schwarz waren die einzigen Töne, die Unterscheidungsmerkmale im dämmernden Tage schufen. Dunkelgrau wälzten sich die Wassermassen von See und Himmel durcheinander. Dazwischen stach ein schwarzer Mast in den dampfenden Strudel, und auch der Schiffsrumpf, der kaum hundert Schritt hinter der ersten Brandungslinie lag, wirkte schwarz wie ein Höllentor. Schon hatten die Wellen alles bewegliche Schiffsgut davon abgeschwemmt, und die Männer wateten in der auslaufenden Brandung umher, um die rollenden Fässer und schwimmenden Bretter mit Bootshaken aufs Trockene zu ziehen, als ein neuer gewaltiger Brecher den Schiffsrumpf knallend bersten machte. Nun erst ergoß sich der Segen des Meeres recht auf den Strand … #ErsteSätze


Romain Rolland: Clérambault. Roman.

Agénor Clérambault saß im Schatten der Laube seines Gartens von Saint-Prix und las seiner Frau und den Kindern seine neue Ode vor, die Ode Ara Pacis Augustae, die er zu Ehren des Friedens über den Menschen und Dingen geschrieben hatte und in der er die nahe Erfüllung der Weltbrüderlichkeit verkünden wollte.

Es war ein Juliabend. Auf den Gipfeln der Bäume lag letzter rötlicher Schein, und durch den leuchtenden Dunst, der wie ein Schleier über die Hügelhänge, die grauen Ebenen und die Ferne geworfen war, flammten die Fensterscheiben von Montmartre als goldene Funken. Die Abendmahlzeit war eben zu Ende. Clérambault, auf den noch nicht abgeräumten Tisch gestützt, ließ im Sprechen seinen Blick voll naiver Freude von einem zum anderen seiner drei Zuhörer hinwandern, denn er war sicher, bei ihnen einen Widerglanz seiner Zufriedenheit zu finden.

Seine Frau Pauline hatte einige Mühe, dem Flug seiner dichterischen Bilder zu folgen: Vorlesen ließ sie immer unaufhaltsam vom dritten Satze an in einen Zustand von träumerischer Schläfrigkeit versinken, … #ErsteSätze


Auguste de Villiers de L’Isle-Adam: Das zweite Gesicht und andere Novellen. Novellen.

An einem Winterabend, als wir, vor einem starken Kaminfeuer sitzend, bei einem unserer Freunde Tee tranken, kam die Unterhaltung auf einen der dunkelsten Gegenstände: das Wesen jener außerordentlichen, verblüffenden, geheimnisvollen Vorahnungen, die in das Leben mancher Menschen eingreifen.

»Folgende Geschichte,« sagte mein Freund, der Baron Xavier de la V…, ein blasser, junger Mann, der durch lange militärische Strapazen in Afrika zerrüttete Nerven und eine ungewöhnliche Menschenscheu bekommen hatte, »folgende Geschichte will ich ohne jeden Kommentar erzählen. Sie ist wahr.«

Wir zündeten uns Zigaretten an und lauschten seinem Bericht. … #ErsteSätze


Marguerite Audoux: Marie-Claire. Roman.

Eines Tages kamen viele Leute zu uns. Die Männer traten ein wie in eine Kirche, und die Frauen bekreuzigten sich, wenn sie wieder weggingen.

Ich schlich mich in das Zimmer meiner Eltern und war sehr erstaunt, neben dem Bett meiner Mutter eine große brennende Kerze zu sehen. Mein Vater beugte sich über das Fußende des Bettes, um meine Mutter zu betrachten, die mit über der Brust gefalteten Händen schlief.

Unsere Nachbarin, Mutter Colas, behielt uns den ganzen Tag bei sich. Zu allen Frauen, die unsere Wohnung wieder verließen, sagte sie: »Sie wissen ja, sie wollte ihre Kinder nicht küssen.« … #ErsteSätze


Elise Orzeszkowa: Der Australier. Roman.

Roman Darnowski, ein junger im Staatsdienste stehender Beamter, gehörte zu der Kategorie von Leuten, die, trotzdem ihnen alles nach Wunsch geht, sich niemals zufrieden fühlen. Die Natur hatte ihn recht freigebig bedacht; die äußeren Umstände seines Lebens, anfänglich nicht günstig, hatten bald eine andere Wendung genommen. In keiner Hinsicht ein Phänomen, besaß er indessen gute Fähigkeiten, die es ihm ermöglichten, die Universitätsstudien glänzend zu absolviren und ein angenehmes Aeußeres, dem er seine bedeutenden gesellschaftlichen Erfolge verdankte.

Vor zehn Jahren war er in die große Stadt gekommen und hatte in diesem Walde sofort einen Baum gefunden, der ihm Schutz vor Sturm und Ungewitter gewährte. Es war dies das Haus seiner Verwandten, die vor Jahren ein bescheidenes und fast armes, junges Mädchen, gegenwärtig die reiche Frau Baronin Lamoni war. … #ErsteSätze


Fjodor Dostojewski: Die Sanfte. Novelle.

Solange sie hier liegt, ist noch alles gut: ich trete jeden Augenblick hinzu und sehe sie an; morgen wird man sie forttragen – wie werde ich dann allein bleiben können? Sie liegt jetzt im Gastzimmer auf dem Tisch; man hat zwei Kartentische zusammengeschoben; den Sarg wird man erst morgen bringen, einen weißen, mit weißem Gros de Naples ausgeschlagenen Sarg; eigentlich wollte ich gar nicht davon sprechen … Ich gehe immer auf und ab und will mir über alles klar werden. Seit sechs Stunden gebe ich mir die größte Mühe, kann aber noch unmöglich meine Gedanken sammeln. Die Sache ist nämlich die, daß ich immer auf und ab gehe, immer auf und ab … Die Sache war so … Ich werde alles ordentlich der Reihe nach erzählen. (Ja, die Ordnung!) Meine Herren, ich bin ja gar kein Literat, Sie sehen es ja selbst. Das ist ja auch ganz gleich; ich will einfach so erzählen, wie ich es eben verstehe. Das ist ja gerade so entsetzlich, daß ich alles verstehe! … #ErsteSätze


Jules Verne: Herr der Welt. Roman.

Die Gebirgskette, die mit der amerikanischen Küste des Atlantischen Ozeans parallel verläuft und sich durch Nordkarolina, Virginien, Maryland, durch Pennsylvanien und den Staat New York hinzieht, führt den Namen der Alleghanys und der Apalachenberge. Sie besteht aus zwei deutlich getrennten Höhenzügen: dem der Cumberland- und dem der Blauen Berge.

Während dieses orographische System – übrigens das bedeutendste dieses Teiles von Nordamerika – sich in einer Ausdehnung von neunhundert Meilen (etwa sechzehnhundert Kilometern) hin erstreckt, übersteigt es im Mittel nirgends die Höhe von sechstausend Fuß. Sein hervorragendster Gipfel ist der 1918 Meter hohe Mount Washington.

Das große Stück Erdenrückgrat, das mit dem einen Ende in das Wasser des Atlantischen Weltmeeres, mit dem anderen in das des St. Lorenzostromes eintaucht, hat auf Alpinisten bisher keine besondere Anziehungskraft ausgeübt. Sein oberster Kamm reicht ja noch nicht in eigentlich hohe Schichten der Atmosphäre hinein; er wirkt also nicht so verlockend, wie die stolzeren Gipfel der Alten und der Neuen Welt. … #ErsteSätze


Margarete Boie: Dammbau. Roman.

Dem Fremden, der nach Morsum auf Sylt kommt, fällt zunächst die Bedeutungslosigkeit dieses im Wasser schwimmenden Scheibchens Erde gegenüber der unendlichen Weite des Himmels auf. Danach, daß man hier kaum von einer hohen Himmelswölbung, einer Himmelskuppel sprechen kann. Sondern an den meisten Tagen des Jahres liegen schwere Wolken tief und flach auf den dunklen Rohrdächern der niedrigen Insulanerhäuser.

So sah diese Landschaft auch jener Fremde, der in den ersten herben Vorfrühlingstagen des Jahres 1922 die breite Dorfstraße von der Kirche zum Pfarrhaus hinaufschritt, sah, wie auch das Pfarrhaus selbst mit seinen sturmzerzausten Sträuchern sich unterm grauen Himmel duckte, während der alte Birnbaum, der östlich neben ihm sich aufreckte, in der Höhe des Dachfirstes schnurgerade abgenagt erschien. »Mag hier viel Wind geben«, dachte der Fremde, indem er den schmalen Gartenpfad entlang auf die offenstehende Haustür zuschritt. … #ErsteSätze


Herman Melville: Moby Dick. Roman.

Als ich vor einigen Jahren – wie lange es genau her ist, tut wenig zur Sache – so gut wie nichts in der Tasche hatte und von einem weiteren Aufenthalt auf dem Lande nichts mehr wissen wollte, kam ich auf den Gedanken, ein wenig zur See zu fahren, um die Welt des Meeres kennenzulernen. Man verliert auf diese Weise seinen verrückten Spleen, und dann ist es auch gut für die Blutzirkulation. Wenn man den scheußlichen Geschmack auf der Zunge nicht loswerden kann; wenn man das Frostgefühl eines feuchten und kalten Novembers auf der Seele hat; wenn man unwillkürlich vor jedem Sargmagazin stehenbleibt und jedem Leichenzug nachsieht, wenn man sich der Schwermut nicht mehr erwehren kann, daß man auf die Straße stürzen und vorsätzlich den Leuten den Hut vom Kopfe schlagen müßte, dann ist es allerhöchste Zeit, auf See zu gehen. Das ist für mich Ersatz für Pistole und Kugel.
Cato stürzte sich mit einer philosophischen Geste in sein Schwert. Ich entscheide mich in aller Ruhe für das Schiff. Das ist durchaus nichts Besonderes! Wenn sie es wüßten, so würden mit der Zeit mehr oder weniger alle dem Ozean mit denselben Gefühlen begegnen wie ich. … #ErsteSätze


Jack London: Nordlandgeschichten. Erzählungen.

Elf Tage lang war er der Fährte seines fliehenden Volkes gefolgt, und diese Verfolgung war selbst nichts anderes als eine Flucht gewesen. Denn hinter ihm kamen – das wußte er mit Sicherheit – die gefürchteten Russen. Sie schleppten sich mühselig durch das sumpfige Tiefland und über die schroffen Wasserscheiden und wurden nur von einem Gedanken geleitet: sein ganzes Volk zu vernichten. Er führte nur eine ganz leichte Ausrüstung mit sich. Ein Schlafsack aus Kaninchenfell, ein Vorderlader und einige Pfund an der Sonne gedörrter Lachs machten sein ganzes Gepäck aus. Er hätte sich über die Schnelligkeit gewundert, mit der ein ganzer Stamm – mit Frauen und Kindern und Greisen – wanderte, hätte er nicht gewußt, daß es der Schrecken war, der sie vorwärts trieb.

Es war in den alten Tagen, als Alaska noch russisch war. Das 19. Jahrhundert hatte seine erste Hälfte zurückgelegt, als Negore dem fliehenden Stamme folgte. In einer Sommernacht holte er ihn bei den Quellen des Peelat ein. … #ErsteSätze


Theodor Fontane: Cécile. Roman.

»Thale. Zweiter…«

»Letzter Wagen, mein Herr.«

Der ältere Herr, ein starker Fünfziger, an den sich dieser Bescheid gerichtet hatte, reichte seiner Dame den Arm und ging in langsamem Tempo, wie man eine Rekonvaleszentin führt, bis an das Ende des Zuges. Richtig, »Nach Thale« stand hier auf einer ausgehängten Tafel.

Es war einer von den neuen Waggons mit Treppenaufgang, und der mit besonderer Adrettheit gekleidete Herr: blauer Überrock, helles Beinkleid und Korallentuchnadel, wandte sich, als er das Waggontreppchen hinauf war, wieder um, um seiner Dame beim Einsteigen behülflich zu sein. Die Compartiments waren noch leer, und so hatte man denn die Wahl, aber freilich auch die Qual, und mehr als eine Minute verging, ehe die schlanke, schwarzgekleidete Dame sich schlüssig gemacht und einen ihr zusagenden Platz gefunden hatte. Von ähnlicher Unruhe war der sie begleitende Herr, dessen Auf- und Abschreiten jedoch, allem Anscheine nach, mit der Platzfrage nichts zu schaffen hatte, wenigstens sah er, das Fenster mehrfach öffnend und schließend, immer wieder den Perron hinunter, wie wenn er jemand erwarte. … #ErsteSätze


Anna Gräfin Pongrácz: Vom Wege. Erzählungen.

Es war Abend. Am Fenster eines von der Welt ziemlich weitab liegenden ungarischen Landhauses stand eine junge Frau. Eleganz und Comfort umgaben sie. Das Zimmer, in dem sie sich aufhielt, war hoch und freundlich; Bilder in prachtvollen Rahmen schmückten die nach moderner Art dunkel tapezierten Wände, weiche Divans standen da und dort; in der Mitte befand sich ein runder Tisch, von dem eine schwere Decke bis zu dem mit Teppichen belegten Boden niederhing. Im Kamin loderte ein helles Feuer, von großen Holzblöcken genährt, und die über dem Tisch angebrachte Lampe warf einen traulichen Schein über den ganzen Raum.

Die junge Frau war allein. Sie lehnte die Stirne gegen die Scheiben und blickte unverwandt in das Dunkel, das draußen herrschte. Ein heftiger Sturm umheulte das Haus und der Regen schlug in schweren Tropfen an die Fenster.

That der Aufruhr in der Natur der Hinausblickenden wohl, weil sie so beharrlich in ihrer Stellung blieb, anstatt sich etwa gemüthlich mit einem Buche oder einer Handarbeit vor dem Kamin niederzulassen? Vielleicht! Es gibt Stunden, in denen uns Ruhe und Frieden um uns zur Verzweiflung bringen können, … #ErsteSätze


Nanny Lambrecht: Das Haus im Moor. Roman.

Über dem verfilzten Vennboden schwamm die Glut der niedergehenden Sonne.

Ein Moorhuhn klagte im Weidengebüsch am Tümpel. Ein schwerer, feuchtwarmer Dunst sickerte in das blaßgrüne Torfmoos. Die Unendlichkeit des Himmels lag auf der unendlichen Weite der Moorfelder.

Von dem neuangelegten Schienenstrang der Eifelbahn her ein ferner Schall! Der verlor sich wie ein wirrer, stumpfer Laut im Moor. Todeseinsamkeit! und darüber ein heiterer Himmel – und hier und da eine Gruppe schweigsamer Menschen mit gekrümmtem Rücken und straffem Haar, herbe Linien in den strengen freudlosen Gesichtern – eine triste Heidestimmung versteinert in den scharfen Zügen!

Das sind die paar Frauen in dem Sourbrodter Torfwerk. Die Sumpfluft hat ihnen das heiße Wallonenblut ausgetrocknet. Das Venn verschlang ihre Stimmen; im Moor lachte keiner. Leichendunst steigt aus den Sümpfen. Wer kann denn zwischen Gräbern lachen? … #ErsteSätze


Sonja Kowalewska: Die Nihilistin. Roman.

Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, als ich mich in Petersburg niederließ. Drei Monate vorher hatte ich eine der ausländischen Universitäten absolvirt und war mit dem Doctordiplom in der Tasche nach Rußland, zurückgekehrt. Nach einem fünfjährigen, zurückgezogenen, beinahe völlig einsiedlerischen Leben in einem kleinen Universitätsstädtchen erfaßte mich auf einmal das Petersburger Leben wie ein Rausch. Für eine Zeitlang vergaß ich die Begriffe von analytischen Functionen, Raum, vier Dimensionen, die noch vor Kurzem meine ganze innere Welt erfüllten, und gab mich mit der ganzen Seele den neuen Interessen hin; ich machte links und rechts Bekanntschaften, bemühte mich in die verschiedensten Kreise einzudringen und verfolgte mit brennender Neugier die Erscheinungen dieses verwickelten, im Grunde so leeren, aber auf den ersten Blick so verlockend aussehenden Chaos, das man Leben heißt. Alles interessirte und freute mich jetzt. Es zerstreuten mich die Theater und die Wohlthätigkeits-Soiréen und die literarischen Kreise mit ihren endlosen, zu nichts führenden Disputen über alle möglichen abstrakten Themata. Die gewöhnlichen Besucher dieser Kreise waren der Dispute schon überdrüssig, für mich hatten sie noch den ganzen Reiz der Neuheit. … #ErsteSätze


Fjodor Dostojewski: Weiße Nächte. Roman.

Es war eine wunderbare Nacht, eine von den Nächten, die wir nur erleben, solange wir jung sind, freundlicher Leser. Der Himmel war so sternenreich, so heiter, daß man sich bei seinem Anblick unwillkürlich fragen mußte: können denn unter einem solchen Himmel überhaupt irgendwelche böse oder mürrische Menschen leben? So fragt man nur, wenn man jung ist, freundlicher Leser, wenn man sehr jung ist; doch möge der Herr Ihnen solche Fragen öfter eingeben … Da ich gerade von allerlei mürrischen und bösen Herrschaften spreche, muß ich an mein musterhaftes Betragen während des ganzen heutigen Tages denken. Schon vom frühen Morgen an quälte mich ein seltsames Unlustgefühl. Es war mir plötzlich, als ob ich, Einsamer, von allen verlassen sei und als ob sich alle von mir lossagten. Nun kann man mich allerdings fragen: wer sind diese »Alle«? Denn ich lebe schon seit acht Jahren in Petersburg und habe es bis heute nicht verstanden, Bekanntschaften zu machen. Wozu brauche ich auch Bekanntschaften? Ich kenne auch so ganz Petersburg; darum hatte ich auch das Gefühl, von allen verlassen zu sein, als ganz Petersburg aufbrach und in die Sommerfrischen zog. Es war mir so schrecklich, allein zu bleiben, und darum irrte ich ganze drei Tage in der Stadt umher, von einem starken Unlustgefühl bedrückt und ohne zu begreifen, was mit mir vorging. … #ErsteSätze


Gilbert Keith Chesterton: Der Mann, der Donnerstag war. Roman.

Der Vorort Saffron Park, der lag da hinaus, wo über London die Sonne unterzugehen pflegt. Und schaute auch grad so rot und genau so zerschlissen aus wie eine Wolke bei Sonnenuntergang. Durchweg aus knallrotem Backstein erbaut; von einer ganz schrullenhaften Silhouette und gleicherweise von einem überaus ungebärdigen Grundriß. Die Emanation eines spekulativen Baumeisters; eine dilettantische Vorspiegelung von Kunst; in einem Stil, der sich am liebsten – bald gotisch aus der Zeit der Königin Elizabeth und bald nach Queen Anne – nennen hörte . . . unter der Impression offenbar, daß diese beiden Herrscherinnen identisch wären . . . Saffron Park war mit einigem Recht als eine Künstlerkolonie verschrien, obschon hier niemals nach irgendeiner Richtung hin irgendwie Kunst produziert wurde. Jedennoch: waren Saffron Parks Prätentionen, ein geistig Zentrum darzustellen, auch ein wenig vage, so war seine Anwartschaft, als ein ulkiger Platz zu gelten, unbestreitbar. Der Fremde, der diese affektiert roten Häuser zum erstenmal sah, der dachte nur dieses: daß es schon ziemlich närrische Leut sein müßten, die es fertig brächten, da drinnen zu wohnen. Aber selbst wenn er das Völkchen dann kennen lernte, selbst dann brauchte er in diesem seinem vorgefaßten Respekt um nichts herunterzugehen. … #ErsteSätze


Ricarda Huch: Aus der Triumphgasse. Roman.

Im Traume habe ich die Triumphgasse wiedergesehen. Ich stieg die steile, höckerige Straße herauf, die ich in Wirklichkeit so oft begangen habe, ohne wie damals vor dem Hause des heiligen Antonius Halt zu machen; erst als ich oben, am Ende der Gasse, angelangt war, blieb ich stehen und drehte mich um. Die Laterne am Eckhause brannte, denn es war Nacht; das wohlbekannte schmutzigrote Flämmchen hinter dem staubigen, auf einer Seite zerbrochenen Glase, das die abschüssige Gasse kaum zur Hälfte beleuchtete. Der Himmel war dunkel und sternenlos, nur am Horizonte zog sich ein grellweißer Streifen hin, unter dem ich den Ausschnitt des Meeres, der von hier aus wahrzunehmen ist, sehen konnte. Jetzt erst fiel es mir auf, daß es totenstill in der Gasse war. Wie spät war es denn? Die Laterne brannte ja noch, und überdies pflegte das Leben erst lange nach Mitternacht im Triumphgäßlein einzuschlummern, ja, verworrenen Lärm aus den nächsten Schänken hörte man bis gegen den Morgen. … #ErsteSätze


Henrik Pontoppidan: Rotkäppchen. Novelle.

Auf einer der hölzernen Bänke im Wartesaal einer kleinen, ostjütischen Landstation saßen an einem Herbstabend ein paar Bauern und warteten auf einen Zug, der in einer kleinen Stunde kommen sollte. Während der Rauch aus ihren Pfeifen in langen Streifen durch die naßkalte Luft zog und sich zu einer bläulichen Wolke um die trübe leuchtende Lampe unter der Decke sammelte, saßen sie da und schwatzten über eine Reihe von Ereignissen, die seit längerer Zeit die Gemüter dort in der Gegend beschäftigt hatten.

Nach einer siebzehnjährigen Ehe hatte der Magnat der Gegend, Rittergutsbesitzer Engelstoft auf Sofiehöj und Agersögaard und Besitzer verschiedner zinsentragender Papiere, sich von seiner Gattin, einer geborenen van Decken, mit der er schon seit längerer Zeit sehr unglücklich gelebt, scheiden lassen. … #ErsteSätze


Edgar Wallace: Der Mann von Marokko. Roman.

James Lexington Morlake, der von seinen Zinsen lebte und viele Titel hatte, wenn er sie auch selten führte, saß in seinem Arbeitszimmer.

Er schloß eine Schublade des schönen Rokokoschreibtisches auf und schaute nachdenklich in das Fach, das mit Stahl ausgeschlagen und durch vier Schließbolzen gesichert war. Dann nahm er langsam ein viereckig zusammengefaltetes, schwarzes Seidentuch, eine automatische Pistole und eine Lederrolle heraus. Er öffnete den Verschluß des Necessaires und breitete es auf seinem Schreibtisch aus. Es war aus dauerhaftem, feinem Seehundsfell gearbeitet, und in den einzelnen Taschen steckten viele Instrumente, Feilen und Sperrhaken – alles äußerst klein und aus bestem Werkzeugstahl hergestellt.

Er prüfte die Diamantspitze eines Bohrers, der die Größe eines Zahnstochers hatte. … #ErsteSätze


Reinhold Ortmann: Der Rechtsanwalt. Roman.

Dr. Paul Leonhardt war ein so gesuchter und vielbeschäftigter Rechtsanwalt, daß er nicht, gleich den meisten seiner Kollegen, durch die Rücksicht auf die Praxis gezwungen war, sein Bureau in einer der engen, luftarmen Geschäftsstraßen der Altstadt aufzuschlagen, sondern daß er seinen Klienten wohl zumuten durfte, sich behufs der unerläßlichen persönlichen Besprechungen in das vornehme Villenviertel hinauszubemühen, das während der letzten Jahrzehnte längs des Flusses entstanden war.

Da – in einer der ruhigsten und elegantesten Straßen – bewohnte er die beiden unteren Geschosse eines stattlichen, gartenumhegten Hauses, dessen zweites Stockwerk die Besitzerin, die hochbejahrte Witwe eines Landgerichtsdirektors innehatte. Sein Schreibzimmer wie sein Privatkabinett lagen im Parterre, während sich die mit fast verschwenderischem Luxus ausgestatteten eigentlichen Wohnräume im ersten Stock befanden. … #ErsteSätze


George Eliot: Adam Bede. Roman.

Mit einem einzigen Tropfen Tinte als Spiegel macht sich der egyptische Zauberer anheischig, jedem, der hineinguckt, weit entlegene Bilder der Vergangenheit zu zeigen. Dasselbe will ich, Leser, für euch versuchen. Mit diesem Tropfen Tinte in meiner Feder zeige ich euch die geräumige Werkstatt von Meister Jonathan Burge, Zimmermann und Baumeister in dem Dorfe Hayslope, wie sie am 18. Juni im Jahre unseres Herrn 1799 aussah.

Die Nachmittagssonne schien warm herein auf die fünf Arbeitsleute, die an Thüren und Fensterrahmen und Täfelwerk eifrig beschäftigt waren. Der Harzgeruch von einem zeltartigen Haufen tannener Bretter vor der offenen Thür mischte sich mit dem Duft der Hollunderbüsche, die den sommerlichen Schnee ihrer Blüten bis nahe an das offene Fenster der Thür gegenüber streuten; die Sonnenstrahlen schienen schräg herein in die durchsichtigen Hobelspäne, die von dem fleißigen Hobel aufflogen, und beleuchteten deutlich die feinen Masern des eichenen Täfelwerks, welches an der Wand aufgerichtet stand. … #ErsteSätze


Friedrich Glauser: Augenblicke. Erzählungen.

Von der Bahnstation bis zur Abzweigung, die nach Waiblikon führte, war die Strasse noch asphaltiert, und Wachtmeister Studer fluchte nicht allzusehr, obwohl es vom Himmel schüttete und ein durchaus unangenehmer Herbstwind pfiff. Ausser dem Wetter störte den Wachtmeister einzig die »Rösti«, die seine Frau ihm am Morgen vorgesetzt hatte. Denn auf die »Rösti« am Morgen hielt er, der Wachtmeister Studer. Sein Vater, der im Emmental Bauer gewesen war, hatte sie am Morgen gegessen, sein Grossvater auch; warum sollte er eine Ausnahme machen? Aber dass man alt wurde, war eben eine Tatsache, die Verdauung funktionierte nicht mehr wie früher, man bekam Sodbrennen von der »Rösti«. Studer schob dies auf das schlechte Fett, das seine Frau wohl der Sparsamkeit wegen gebraucht hatte. Irgend so ein modernes Geschlarpf war wohl das Fett. Er trappte mit den dicken Sohlen durch die Pfützen, zog den Gummimantel enger an den Bauch. Nicht einmal rauchen konnte man bei diesem Wetter. … #ErsteSätze


Charlotte Niese: Die falschen Weihnachtsbäume. Erzählung.

Auf unsrer Insel gab es wenig Bäume. So wenig, daß das Brennholz weither über das Wasser geholt werden mußte, und daß viele der Inselbewohner niemals einen Wald gesehen hatten. Auch die Tannenbäume waren ein seltner Artikel, was uns als Kinder immer sehr aufregte. Denn wenn es gegen die Weihnachtszeit ging, tauchten immer wieder die Zweifel auf, ob wir wohl einen wirklichen oder einen falschen Tannenbaum am heiligen Abend bekämen. Einen wirklichen Tannenbaum, der im Walde gewachsen war, und in dessen Zweigen die Vögel gesungen hatten, oder einen falschen, der in der Werkstatt des Meister Ahrens das Licht der Welt erblickt hatte.

Meister Ahrens war unser Tischler. Er sah alt aus und hatte einen sehr kahlen Kopf, aber wir hatten ihn gern, besonders wenn er nicht immer von seinem guten Herzen sprach. … #ErsteSätze


Franz Kafka: Betrachtungen. Erzählungen.

Heute waren die obersten Ingenieure bei uns unten. Es ist irgendein Auftrag der Direktion ergangen, neue Stollen zu legen, und da kamen die Ingenieure, um die allerersten Ausmessungen vorzunehmen. Wie jung diese Leute sind und dabei schon so verschiedenartig! Sie haben sich alle frei entwickelt, und ungebunden zeigt sich ihr klar bestimmtes Wesen schon in jungen Jahren.

Einer, schwarzhaarig, lebhaft, läßt seine Augen überallhin laufen.

Ein Zweiter mit einem Notizblock, macht im Gehen Aufzeichnungen, sieht umher, vergleicht, notiert.

Ein Dritter, die Hände in den Rocktaschen, so daß sich alles an ihm spannt, geht aufrecht; wahrt die Würde; nur im fortwährenden Beißen seiner Lippen zeigt sich die ungeduldige, nicht zu unterdrückende Jugend. … #ErsteSätze


Franz Kafka: Die Verwandlung. Erzählung.

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.

»Was ist mit mir geschehen?«, dachte er. Es war kein Traum. Sein Zimmer, ein richtiges, nur etwas zu kleines Menschenzimmer, lag ruhig zwischen den vier wohlbekannten Wänden. Über dem Tisch, auf dem eine auseinandergepackte Musterkollektion von Tuchwaren ausgebreitet war – Samsa war Reisender – hing das Bild, das er vor kurzem aus einer illustrierten Zeitschrift ausgeschnitten und in einem hübschen, vergoldeten Rahmen untergebracht hatte. Es stellte eine Dame dar, die mit einem Pelzhut und einer Pelzboa versehen, aufrecht dasaß und einen schweren Pelzmuff, in dem ihr ganzer Unterarm verschwunden war, dem Beschauer entgegenhob. … #ErsteSätze


Edgar Wallace: Die seltsame Gräfin. Roman.

Lois Margeritta Reddle saß auf der Kante ihres Bettes und hielt in der einen Hand eine große Tasse, in der anderen einen Brief. Die dicke Brotschnitte war zu dünn gestrichen, der Tee zu schwach aufgegossen und zu stark gezuckert, aber die Lektüre nahm Lois so in Anspruch, daß ihr diese kleinen Nachlässigkeiten ihrer Freundin Lizzy Smith nicht zum Bewußtsein kamen.

Eine goldene Krone schmückte den Briefbogen, und das starke, griffige Papier strömte einen leichten Duft aus.

307 Chester Square, London S.W. Die Gräfin von Moron hat mit Vergnügen die Nachricht erhalten, daß Miss Reddle ihre Stellung als Privatsekretärin am Montag, dem 17., antritt. Miss Reddle kann versichert sein, daß sie einen angenehmen Posten und viel freie Zeit zur Verfügung haben wird. … #ErsteSätze


Marie Zedelius: Durch die Brandung. Novelle.

Das Casino, der abendliche Versammlungsort der Herren aus der höheren Gesellschaft, strahlte im Licht seiner Glaskronen und war bereits von Gästen ziemlich angefüllt. Während einige derselben in eifriger oder gemüthlicher Unterhaltung begriffen waren, andere sich den Spieltischen zuwandten, schlenderten verschiedene umher, indem sie sich zeitweilig dieser und jener Gruppe anschlossen, oder es damit genug sein ließen, daß sie die Versammlung so wie die Neueintretenden beobachteten. –

Jetzt gerade that sich die Thür des Saales, welche eine Weile geschlossen gewesen war, aufs Neue auf, und ein in jugendlichem Alter stehender Mann von schlankem Wuchs trat über die Schwelle. Das Aeußere desselben war wohl geeignet, einen Blick, der sich etwa zufällig auf ihn gerichtet hatte, für einige Zeit festzuhalten; denn neben der Regelmäßigkeit der Züge frappirte der eigenthümliche Contrast seiner bleichen, wenn auch nicht gerade krankhaften Gesichtsfarbe … #ErsteSätze


Dora Duncker: Großstadt. Roman.

In einem geräumigen Zimmer, dessen Einrichtung so einfach war, dass sie beinahe an Armut grenzte, sassen zwei junge Mädchen in tiefer Trauerkleidung und ein Mann, der die Höhe der Sechzig erreicht haben mochte, um einen runden, mit einer blau und rot gewürfelten Decke bedeckten Tisch.

Von draussen schlug in kurzen Absätzen ein stössiger Nordost gegen die Fensterscheiben.

Am Himmel zogen graue, schwere Wolken einher und verdunkelten auf Augenblicke das kahle, unfreundliche Gemach. Man konnte dann nur noch die bleichen Gesichter der beiden Mädchen und die auf dem Fussboden verstreuten Blütenblätter von weissen Astern und hellfarbigen Rosen deutlich unterscheiden. Ein widerlicher Geruch von Karbol, Räucheressenzen, Cichorienkaffee und toten Blumen durchzog den Raum. … #ErsteSätze


Theodor Däubler: Der Marmorbruch. Erzählung.

Was war das für ein seltsamer, dichter Staub, der die Pinienstämme im Wald von Migliarino versilberte, als schiene der Mond? Wie ein metallisch glänzender Strom schlängelte sich die Straße durch die Sommernacht, und wenn ein Auto darauf vorüberglitt, brachen schwere, durchleuchtete Wolken flatternde Brandbänder ins Gebüsch und übersamteten mit ihren winzigen glitzernden Kristallen Pinienwedel und Brombeerhecken.

Mario Marin hielt sein Auto an; der Staub hatte die Scheinwerfer verschleiert und ihnen den klaren Blick genommen. Er stieg aus, putzte das Glas und wollte gerade wieder ans Steuerrad zurückkehren, als er im Licht seines Reflektors eine Gestalt erkannte, die stille zwischen den Stämmen stand. Geblendet schloß der Wanderer die Augen. Sein Gesicht zog sich in hundert Falten zusammen wie eine dicke Schnecke, die sich verscheucht in ihr Gehäuse zwängt; die vielen Runzeln seiner rostbraunen Haut drängten sich um die fleischige Nase, die fuchsigen Augenbrauen schlängelten sich unter dem ebenfalls roten Haarbusch hervor, der ihm tief in die Stirne hing, und die schwere, borstige Oberlippe klemmte sich krampfhaft unter das Nasenbein. … #ErsteSätze


Joseph Smith Fletcher: Der Verschollene. Roman.

Das Hotel »Zum Kardinalshut« in Brychester gehört zu jenen Gaststätten, die man nur noch in den ältesten Städten Englands findet. Früher waren die großen Gasträume gefüllt, in den Ställen stampften die Pferde, und vor den Türen standen Postwagen und Reisefuhrwerke. Aber seit der Einführung der Eisenbahn verlor das Hotel an Bedeutung und führte nur noch ein Schattendasein.

An einem schönen Herbstnachmittag stand der alte Oberkellner, der wie ein ehrwürdiger Kirchendiener aussah, nachdenklich in der Haustür und sah die Straße hinunter. Auf der anderen Seite erhob sich der majestätische Turm der großen Kathedrale, in der früher einmal ein Bischof am Hauptaltar die Messe gelesen hatte. Dicht daneben stand das schöne alte Marktkreuz, das zur Zeit der Tudors errichtet worden war. Es war nur wenig Verkehr auf der Straße. Ein paar Bauernwagen rollten über das holperige Pflaster, und hier und dort standen Nachbarn zusammen und besprachen die letzten Neuigkeiten. … #ErsteSätze


Olga Wohlbrück: Du sollst ein Mann sein! Roman.

Er wurde auf einem großen Amerikadampfer geboren, während eines heftigen Sturmes. Der Arzt übergab das Kind der Stewardeß, die sich kaum auf den Füßen halten konnte.

»Werft mich ins Wasser! Werft mich ins Wasser!« schrie die junge, blonde Wöchnerin.

»Aber es ist ja alles vorüber«, beruhigte der Arzt.

Bald war auch alles vorüber. Der Sturm legte sich. – Auch die Frau wurde still, ganz still – und gegen Abend war sie tot. Am nächsten Morgen versenkte man einen großen, zusammengenähten Sack ins Meer. Der Wind wehte den wenigen Passagieren, die sich zu der düsteren Feier eingefunden hatten, einen feinen, kalten Sprühregen ins Gesicht. Der Kapitän machte es kurz: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!« … Die Hüte, Mützen und Kappen flogen von den Köpfen  … #ErsteSätze


Annie Hruschka: Das Haus des Sonderlings. Roman.

Die drei Linden, die der kleinen Wirtschaft des Herrn Sebastian Lagler den Namen gaben und seinen »Gastgarten« bildeten, waren über Nacht erblüht. Ihr Duft mischte sich mit dem Geruch frischgekochten Kaffees, den der Wirt eben eigenhändig zu dem einzigen Gast trug, der unter den Linden saß und behaglich die Stille des Morgens auf sich wirken ließ.

»Nicht wahr, Herr, das schmeckt,« fragte er dann nach einer Weile stolz lächelnd. »So ein unverfälschter Trank und in der frischen Luft heraußen!«

»Ja, der Kaffee ist gut. Besonders, wenn man vorher schon drei Stunden bergauf und -ab marschiert ist und dann unerwartet auf ein so nett gelegenes gastliches Haus stößt. Komisch, daß ich von diesen »Drei Linden« noch gar nichts wußte!« … #ErsteSätze


Annie Hruschka: Das Geheimnis vom Brintnerhof. Roman.

»Nicht möglich. Wegen ein paar Kübel Kohlen fängt deine Schwiegertochter Streit an, Brintner?«

»Wie ich dir sage, Sonnenwirtin! Kohlen wären nicht ausbedungen im Kontrakt, den ich seinerzeit, als ich Haus und Hof dem Andres übergab, aufsetzen ließ. Als ob ich das nicht selbst wüßte! Als ob ich mir nicht jeden Herbst zwei Fuhren hätte einschaffen lassen! Aber, wenn es im April noch kalt ist wie im Jänner und mein Vorrat zu Ende ist, werde ich mir bei dem eigenen Sohn doch ein paar Kübel ausborgen dürfen! Hab’s der Magd ohnehin gesagt: Im Herbst gebe ich sie zurück! Aber nein. Bar zahlen hätte ich sie der Frau Schwiegertochter sollen! Und Andres – wie immer – ist gleich auf Justinas Seite. Wie sie sagt: ›Ja, wer weiß denn, ob der Herr Vater im Herbst noch lebt?‹ nickt er gleich: ›Freilich, freilich, wer kann das wissen?‹ Ja, liebe Berta, so springen sie mit mir um daheim und wundern sich dann noch, wenn ich zu dir gehe, um mich ein wenig auszureden und zu erholen!«

»So? Das ärgert sie auch?« … #ErsteSätze


Claude Anet: Ariane. Roman.

Ein Himmel von fast morgenländischer Klarheit, schön, rein, leuchtend und blau wie ein Türkis aus Nischapur dehnte sich über den Häusern und Gärten der noch schlummernden Stadt. Nur das Zwitschern der Spatzen, die einander auf Dächern und den Ästen der Akazien verfolgten, und das behagliche Gurren einer Taube vom Wipfel eines Baumes störten die tiefe Ruhe des frühen Morgens. Von weitem ertönte dann und wann das ächzende Knarren eines Bauernkarrens, der langsam auf dem holprigen Pflaster der Sadowaja, der größten und elegantesten Straße der Stadt, herankam.

Angrenzend an den breiten, staubigen, verlassenen Domplatz umschloß eine Holzverschalung den Hof des Hotel London, dessen eintönige lange Fassade mit drei Stockwerken aus grauen Steinen, verdrießlich wie ein regnerischer Herbsttag, ohne Erker, ohne Pfeiler, ohne Säulen, schmucklos in die Sadowaja starrte. … #ErsteSätze


Olga Wohlbrück: Das ist Russland. Erzählungen.

Das Gut der Sobatschnikoff ist eines der schönsten im Gouvernement Smolensk. Es heißt so nach dessen ersten Besitzer aus der Familie Sobatschnikoff. Freilich wurde der meist »Sobaka« genannt, was so viel wie Hund bedeutet. Und ein Hund war er.

Schon daß er nicht trank und nicht spielte wie alle früheren Gutsbesitzer, nahm die Bauern gegen ihn ein, denn man durfte nie etwas von seiner guten Laune erwarten. Launen hatte er überhaupt nicht. Nur eine unbezwingbare Habsucht. Ein hübsches Weib aus dem Dorfe mußte ihm ebenso gehören wie der gut bestellte Acker eines Bauern. Dazu waren ihm alle Mittel recht. Er verlieh Geld an die Bauern, ohne wie der Schankjude hohe Zinsen zu nehmen, aber wenn sie ihn nicht bezahlen konnten, jagte er sie unbarmherzig vom Hof oder stellte ihnen die härtesten Bedingungen. … #ErsteSätze


Olga Wohlbrück: Die Frau ohne Mann. Roman.

»Na Toni, wird’s bald?«

Es ist die Stimme ihres Mannes, liebenswürdiger als sonst. Aber doch mit dem ungeduldigen Unterton, den er ihr gegenüber nie ablegen kann.

Alles fliegt an ihr, ihre Finger gehorchen ihr nicht. Da schließt ein Haken nicht, dort guckt ein Band hervor. Sie fürchtet wie immer seinen kritischen Blick, weiß, daß er nie zufrieden mit ihr ist.

Aber heute ist der Ausnahmetag. Ihr Hochzeitstag. Ihrer. Er hat viele Hochzeitstage – wenn Hochzeitstag der Gedenktag ist erster körperlicher Vereinigung. Aber nein, daran will sie heute nicht denken. Sie zählt nur rasch: sieben, acht – nein, zehn Jahre sind es. Und immer ist es ihr wie ein Wunder, daß noch ein Jahr hinzugekommen ist. Freilich hat sie sich geduckt – hat alles in den Kauf genommen, nur daß er nicht fortging, und daß sie, von allen geachtet und geehrt, die Frau Fabrikbesitzer Doktor Antonie Kemper blieb. … #ErsteSätze


Theodor Däubler: Die Göttin mit der Fackel. Roman.

Der Frühlingssturm raste durch den Berliner Tiergarten. Er jagte die Blätter des alten Jahres um die Wette mit den Automobilen über den Asphalt, klapperte heftig mit den Fahnenschnüren an dem Gesandtschaftspalais, riß ganz plötzlich in der Villa Schott ein Fenster auf und fuhr in den großen, offenen Reisekoffer hinein, der, schon halb gepackt, mitten in einem Zimmer stand. Dabei lüpfte er leichte Seidenwäsche heraus und wehte sie unsanft in die Ecken, wo sie nun, übel zerknäult, am Boden kreiselte.

Das kam davon, daß Lenchen, die Zofe, hereingekommen war und daß es Durchzug gegeben hatte. Starr vor Schreck blieb sie in der offenen Tür stehn. Aber der Wind kümmerte sich nicht um den Ausdruck tiefsten Tadels, der ihre wasserblauen, verschwommenen Äugelchen für einen Augenblick verhärtete; er benutzte vielmehr den Durchschlupf, den sie ihm bot, und fegte ihr ein Paket seidener Tücher von der flachen Hand, so daß es aussah, als ob er eine weiße Blume zerpflückt und zerwirbelt hätte. … #ErsteSätze


Ada Christen: Der einsame Spatz. Erzählungen.

Arme Leute kaufen ihr Brennholz von dem Zimmerplatze weg. Es wird nicht in Wagen vor das Tor gefahren, sondern die Kinder gehen mit alten Tüchern hin und lesen an Spänen zusammen, was sie nur tragen können, bezahlen dann ein paar Groschen dafür und schleppen ihr Bündel auf dem Rücken nach Hause.

So wird es den ganzen Tag auf großen Zimmerplätzen nicht leer von den Kindern der Armen, und es setzt oft Püffe dort ab. Die Gesellen, der Werkmeister, oft der Zimmermeister selbst, fahren gelegentlich mit der Hand darein; am meisten aber prügeln sich die Kinder untereinander. So war es, als ich noch selbst ein Kind war, und so wird es wohl noch heute sein.

Bei Regen und Sonnenschein, vom ersten Frühlingstag bis es herbstlich zu frösteln begann, mußte ich hinaus auf den Platz und den Holzbedarf für den nächsten Tag heimtragen, ja sogar noch etwas darüber, denn ein Büschel Späne wurde immer an die Rückwand der stockfinstern Küche gelegt. Jeden Tag ein Büschel, das gab bis zum Herbst einen Vorrat, der bis an die Decke reichte und für manchen Wintertag vorhielt. … #ErsteSätze


Korfiz Holm: Herz ist Trumpf. Roman.

Die Sonne lauerte durch den Spalt der lichtbunten Vorhänge an dem Mansardenfenster und warf einen Streifen über das Fußende der breiten Bettstatt aus polierten vierkantigen Messingstäben, über die gelbseidne Steppdecke und die großen Füße, die darunter hervorgeschloffen waren und sich neugierig im Zimmer umsahen, erlöst gleichsam aus der Abhängigkeit von dem sie sonst regierenden Kopfe, der indes droben, eine Backe ins Kissen gewühlt, offnen Mundes schnarchte, in einem traumlosen Schlafe, dahinein nicht einmal das Gespenst eines Gerichtsvollziehers Zutritt hatte.

Ob es nun davon herrührte, daß der Straßenbahnwagen, der gerade unten vorüberdröhnte, das ganze, schön modern gebaute Haus ins Wanken brachte, oder ob den Sonnenstrahl wirklich das Lachen ankam – jedenfalls schüttelte er sich ein weniges; und es lag kein Grund vor, anzunehmen, daß das nicht vor Heiterkeit über dies Gemach und seinen Bewohner geschehen wäre.

Ein weltläufiger Mann, der unvorbereitet hätte raten sollen, wem dieses Schlafzimmer gehöre, würde es vielleicht einer galanten Dame zugeschrieben haben, aber dieser Kenner wäre mit seinem Indizienschluß hereingefallen. Denn in dem frivol prunkhaften Bette lag ein derber Kerl mit langen Gliedern und breitem schwarzhaarigen Bauernschädel. … #ErsteSätze


Jakob Wassermann: Laudin und die Seinen. Roman.

Der junge Mann kam schon zum zweitenmal an diesem Abend. Er bat das Mädchen, seine Karte der gnädigen Frau zu bringen und sie zu fragen, ob er auf den Herrn Doktor warten dürfe. Es war eine nicht besonders saubere Karte, auf welcher zu lesen war: Konrad Lanz stud. chem..

Pia Laudin ging gerade über den Korridor. Sie warf einen flüchtigen Blick auf die Karte, einen ebenso flüchtigen auf den armselig gekleideten, etwa vierundzwanzig Jahre alten Menschen, der mit schmutzigen Schuhen, nassen Beinkleidern und nassem Havelock vor ihr stand, und sagte: »Mein Mann wird wahrscheinlich spät nach Hause kommen,« und mit einem mißtrauischen Nebenton: »Wollen Sie ihn als Anwalt sprechen?«

»Ja, als Anwalt, gnädige Frau,« war die zögernde, von einem bittenden Ausdruck unterstützte Antwort.

»Dann müssen Sie sich in die Kanzlei bemühen. Mein Mann ist tagsüber so anstrengend beschäftigt, daß er am Abend in seinem Hause unmöglich Klienten empfangen kann.« … #ErsteSätze


Ada Christen: Jungfer Mutter. Roman.

Die Geschichte, wie die Walter Hanni eine alte Jungfer geworden ist und warum sie von den Leuten in der Blauen Gans Jungfer Mutter genannt wurde, ist nicht so leicht und schnell zu erzählen, als man meinen könnte, daß sich ein armes kleines Leben erzählen läßt. Sie wundert sich heute noch, wenn man ihr sagt, daß sie viel erlebte, denn so eigentlich weiß sie nur, daß sie immer fleißig gearbeitet hat.

Sie ist vor der Zeit schneeweiß und alt geworden und hat nie eine andere Freude gehabt als ihr Kind.

Ihr Kind war der eheliche Sohn ihrer Jugendfreundin, der Weis Leni, welche sich längst Madame Madeleine Weis nennt. Der kleine Ziehsohn der Hanni wurde nach seinem Vater Leopold Weis getauft und wußte seit seinem zehnten Jahre, daß sein Vater sich ein Taschenmesser in das Herz stieß und zu Füßen seines wunderschönen Weibes starb. Sooft der kleine Polderl seine »Frau Mutter« sah, ging ihm das, was er gehört, durch den Kopf, mehr als einmal wollte er sie fragen: Warum? – aber er getraute sich nicht, sie war so schön und sah so vornehm aus und redete wenig mit ihm. … #ErsteSätze


Lily Braun: Die Liebesbriefe der Marquise. Roman.

Wenn die alte Gräfin Laval, in ihren tiefen Lehnstuhl behaglich zurückgelehnt, ein heiter sinnendes Lächeln um die feinen Lippen, von Delphine Montjoie zu sprechen begann, so pflegte ihre strenge Tochter, mit einem vielsagenden Blick auf die Jugend im Zimmer, ein »aber Mamachen!« warnend dazwischen zu werfen. Sie unterbrach sich dann stets, eine zarte Röte überzog ihre Elfenbeinhaut – ob aus Ärger, ob aus Verlegenheit? –, und für den Rest des Abends blieb sie schweigsam.

Kam eine ihrer Enkeltöchter allein zu ihr, so bedurfte es keiner langen Bitten, und sie erzählte der gespannt Aufhorchenden von der Ahnfrau, die das Zaubermittel besessen hatte, alle Herzen an sich zu fesseln. Der lachende Geist des Rokoko – halb Liebesgott, halb Faun – hatte seine Schäferlieder an ihrer Wiege gesungen, das Heldenepos Napoleon hatte ihr Alter umbraust; um ihr duftendes Lockenköpfchen hatte der Sturm von 89 getobt, und von dem Gewitter der Julirevolution war ihr eisgraues Haupt noch berührt worden. Schleifende Menuettschritte, rauschende Kleider, klappernde Stöckelschuhe, Sturmläuten, Kanonendonner, dazwischen ein Flüstern, ein leises Lachen, ein verhaltenes Schluchzen, – das war ihre Geschichte. … #ErsteSätze


Joseph Roth: Hiob. Roman.

Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus, das nur aus einer geräumigen Küche bestand, vermittelte er Kindern die Kenntnis der Bibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehnerregenden Erfolg. Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt und unterrichtet.

Unbedeutend wie sein Wesen war sein blasses Gesicht. Ein Vollbart von einem gewöhnlichen Schwarz umrahmte es ganz. Den Mund verdeckte der Bart. Die Augen waren groß, schwarz, träge und halb verhüllt von schweren Lidern. Auf dem Kopf saß eine Mütze aus schwarzem Seidenrips, einem Stoff, aus dem manchmal unmoderne und billige Krawatten gemacht werden. Der Körper steckte im halblangen, landesüblichen jüdischen Kaftan, dessen Schöße flatterten, wenn Mendel Singer durch die Gasse eilte, und die mit hartem, regelmäßigem Flügelschlag an die Schäfte der hohen Lederstiefel pochten. … #ErsteSätze


Grete Auer: Bruchstücke aus den Memoiren des Chevalier von Roquesant. Biographie.

Ich kann nicht, wie so mancher andre es tut, meine Memoiren mit der Aufzählung vorväterlicher Herrlichkeiten und Heldentaten beginnen. Selbst von meinem Vater weiß ich nur, daß er ein verarmter und zu seinem Glücke mit Ruhm gefallener bretonischer Edelmann war, dessen Tod die ganze Erbschaft an Gütern und Ehren darstellte, die er seinem einzigen Sohne hinterließ. Die Erinnerungen an meine früheste Jugend bieten nur Bilder drückender Armut auf einem halbverfallenen Edelhofe, dazwischen einige holdere von heimlichen Streifzügen durch rotblühendes Heideland und Brombeergebüsch. Vergeblich suche ich rückschauend in diesen Erinnerungen nach einer Frauengestalt; nur rauhe Knechte haben mich erzogen. Mein besseres Leben begann erst, als mein Vater, den ich auch nicht häufig sah, die Klugheit hatte, sich neben Turenne und vielleicht von derselben Kanonenkugel töten zu lassen, und die Milde des allerchristlichsten Königs mich vor dem Schicksale manches herabgekommenen Landjunkers bewahrte, das da war, als geduldeter Kostgänger seiner leibeigenen Bauern in Trägheit und Unwissenheit zu verderben. Das Todesverdienst meines Vaters machte mich zum Schützling Ludwigs des Großen, zum Zögling seiner neugegründeten Schule und zum Erben getragener Prunkgewänder fürstlicher Knaben. Ich war zehn Jahre alt, als ich, ein wildes, scheues und vernachlässigtes Kind, nach Paris kam; zwei Jahre später war ich ein so schmucker und eitler kleiner Marquis, wie je einer in den schimmernden Sälen Versailles‘ gewandelt. … #ErsteSätze


Maria Janitschek: Despotische Liebe. Novelle.

Mertens schlug mit der Faust auf den Tisch. »Und i sags noch amal: a wilds Tier is sie.«

»Eine Heilige,« hauchte der Schulmeister.

»A raffinirts Frauenzimmer,« brummte der Gemeindeschreiber.

»Landes verweisen sollt ma sie«.

»Oder – heiraten.«

»Ja die und einen von uns zum Mann nehmen!«

»Du hast überhaupt nit mitzureden, Schulmeister.«

»Wieso nit? Soviel wie a Schreiber bin i a.«

»Aber z‘ jung bist, und z‘ unerfahren. Für die wärst nit mehr als a Puppen.«

»So, meinst? das wollten ma doch sehen! Wenns drauf ankäm‘ –«

»Lirum larum Löffelstiel.« … #ErsteSätze


Luise Ahlborn: Schloß Favorite. Roman.

Es war in den ersten Märztagen des Jahres 1720. Schwere Wolken zogen, von Süden kommend, sturmgepeitscht über die Schwarzwaldberge, brachten prasselnden Hagel- oder heftige Regenschauer mit sich und senkten sich über die weite Rheinebene zwischen Rastatt und Straßburg bis an die Höhen des Odenwaldes so tief auf das Land herab, daß es wie in graue Schleier dicht verhüllt dalag.

In dem halben Mondlicht, welches unsicher durch eine Lücke in den jagenden Wolken drang, sah man einen letzten Streifen Schnee matt aufleuchten und das Blitzen auf den fast aus ihrem Bette tretenden Wellen der Murg.

Der warme Tauwind bog die Spitzen der schlanken Tannen und Föhren, womit alle Berge rings vorwiegend bewaldet waren, hin und her wie dünne Gerten, zauste und riß die kahlen Äste der Eichen und Buchen, daß sie sich wanden wie in großer Not, und entwurzelte hier und dort einen Baum, der keine Hilfe und keinen Halt in der Nachbarschaft fand. … #ErsteSätze


Ricarda Huch: Die Geschichte von Garibaldi. Roman.

Im Sommer des Jahres 1846 bestieg der Kardinal Mastai unter dem Namen Pius IX. den Stuhl Petri. Das stumpfsinnige Regiment seines Vorgängers, Gregors XIV., hatte im Volke die Neigung erregt, von der Zukunft das Höchste zu hoffen, und da unter den patriotischen Männern, die damals Ratschläge gaben, wie das zerrissene und namenlose Land des Apennin zu heilen sei, einer war, nämlich Vicenzo Gioberti, der den römischen Papst als den ältesten und volkstümlichsten Fürsten der Halbinsel für den erklärte, der bestimmt sei, die vielen kleinen italienischen Staaten in seiner Hand zusammenzufassen und Italien zu nennen, war das Ergebnis der Wahl mit größerer Erregung als je erwartet worden. Von Giovanni Mastai-Ferretti war nicht viel bekannt, als daß er ein freundlicher, das Gute wollender Mann sei; zunächst indessen hoffte die Partei der Jesuiten ebenso sich seines Willens zu bemächtigen wie die der Patrioten. Zu den letzteren gehörte der Barnabitenpater Ugo Bassi; er eilte nach Rom und erhielt die Erlaubnis, im Kolosseum zu predigen; aber die gregorianische Partei, die noch herrschte, riet dem Heiligen Vater, wenn er denn einem Anhänger der Revolution, als welcher Ugo Bassi galt, das Wort gestatten wolle, ihn durch einen gegebenen Vorwurf der Rede, wie zum Beispiel die Süßigkeit der Armut oder die Wunderkraft des heiligen Namens Maria, zu binden. Ugo Bassi wählte die Süßigkeit der Armut. Die vielen jedoch, die um die Zeit des Ave Maria nach dem Kolosseum wanderten, erwarteten unter dem gemeinplätzigen Titel etwas ganz andres, das, was in den Herzen wühlte und nicht ans Licht durfte, auf irgendeine Weise zu hören: Freiheit, Vaterland, Größe und Auferstehung. … #ErsteSätze


Marie von Ebner-Eschenbach: Die Totenwacht. Erzählung.

Es war am Ende eines kleinen Dorfes im Marchfeld, das letzte, das ärmlichste Haus. Seine niedrigen Lehmmauern schienen jeden Augenblick aus Scham über ihre Blöße und all ihre zutage gekommenen Gebrechen in sich zusammensinken zu wollen. Das schiefe Strohdach bot nur noch einen sehr mangelhaften Schutz gegen Hitze und Kälte, Sturm und Schnee. Die Eingangstür, die des Schlosses entbehrte, war mit Stricken an den verrosteten Angeln befestigt, klaffte von allen Seiten und hatte längst aufgehört, eine feste Schranke zu bilden zwischen der Straße und dem einzigen Wohnraume der Hütte. Durch eine seiner Fensterluken drang ein schwach flackernder Lichtschein in das Dunkel der Oktobernacht. Er ging von einer Talgkerze aus, die am Fußende eines Sarges brannte. Der Sarg stand noch offen auf einem Schragen mitten in der Stube, und in ihm ruhte die Leiche einer kleinen, alten Frau. Sorgfältig angetan, mit dem Ausdruck seligen Friedens auf dem greisen Gesichte, nahm sie sich fast zierlich aus in ihrem letzten Bette. Ein weißes Tüchlein war um ihren Kopf gewunden und unter dem Kinn zusammengesteckt; die grauen Haare waren glatt gescheitelt, die Hände über der Brust gekreuzt und mit einem Rosenkranz umwickelt. … #ErsteSätze


Jeanne Marni: Stille Existenzen. Roman.

Auf dem Kirchhof Montmartre. Es ist zehn Uhr morgens an einem ausnahmsweise regenfreien Junitage.

Madame Mael, 39 Jahre alt. Sie ist immer noch schön, trotz ihrer frühzeitig ergrauten Haare.

Madame d’Alysse, 35 Jahre, eine schlanke, hübsche Blondine mit harten, grauen Augen und einem eigensinnigen Zug um den Mund.

Beide Damm sind in tiefer Trauer, sie tragen große Sträuße von Rosen, Narzissen, Iris und Stiefmütterchen. Sie begegnen sich am Eingang des Friedhofs.

Madame Mael: »Sie hier? Und zu dieser Tageszeit?«

Madame d’Alysse: »Wie Sie sehen. – Guten Morgen, Liebste.«

Madame Mael: »Guten Morgen, Madelon. Ich dachte, Sie wären schon auf dem Lande?«

Madame d’Alysse: »Wir haben unsre Abreise wieder verschoben. Das Wetter war gar zu schlecht. – Wie geht es Ihrer Tochter?« … #ErsteSätze


Hedwig Dohm: Werde die Du bist. Erzählung.

In der Irrenanstalt des Doktor Behrend, in der Nähe Berlins, machte eine alte Frau – sie mochte nah an sechzig sein – Aufsehen. Sie hatte feine, interessante Gesichtszüge, starkes graues Haar und große grünlich graue Augen. Niemals starrten diese Augen in’s Leere. Entweder schienen sie, erloschen für Außenwelt, innerlich etwas zu schauen, oder sie waren emporgerichtet, bald mit dem Ausdruck eines leidenschaftlichen, irrenden Suchens, bald mit Entzücken sich an einen Gegenstand festsaugend. Die Augen einer Seherin. Diese wundersamen Augen geben dem Kopf den Charakter einer jüngeren Frau.

Sie verhielt sich meist schweigsam. Zuweilen aber fing sie an zu reden, dann war es, als hielte sie Zwiesprache mit übernatürlichen Wesen. Unermeßliche Melancholie oder dithyrambische Verzückung atmeten ihre Worte. Sie sprach tiefsinnige und erhabene Gedanken aus, in einer Form, die an Nietzsches Zarathustra erinnerte.

Man hätte glauben sollen, daß diese alte Frau eine große Dichterin gewesen und daß ein Übermaß geistiger Erregung die Gehirnstörung bewirkt habe. Das Gegenteil war der Fall. … #ErsteSätze


Marie von Ebner-Eschenbach: Unsühnbar. Erzählung.

Die Vorstellung des »Fidelio« war zu Ende; das Publikum strömte aus dem Opernhause und zerstreute sich rasch nach allen Richtungen. Seit vierundzwanzig Stunden fiel Schnee, emsig, unablässig, in großen Flocken; er lag schwer auf den Dächern, verschleierte die Lichter in den Lampen, machte die Mühe der Wege ausschaufelnden Arbeiter fast vergeblich. Geräuschlos rollten die Equipagen vor; in Pelze gehüllte Männer und Frauen stiegen in weich gepolsterte Wagen. Ein paar Ladendiener hoben ihre sommerlich gekleideten Schönen in einen Comfortable mit zerbrochenen Fenstern. Wie der Wind sauste ein Fiaker nach dem anderen davon. Den Hut auf dem Ohr, den Schnurrbart gewichst, saßen die Eigentümer des »feschen Zeugels« etwas vorgebeugt auf ihrem Bock, in jeder Hand einen Zügel; und die Pferde griffen aus und gaben her an Lebenskraft, was sie geben konnten, um grüne Majoratsherrchen, hochgeborene Reiteroffiziere und Sportsleute so geschwind als möglich zum Spiel in den Jockeyclub zu bringen. An den Rand der Straße gedrängt, rumpelten dicht besetzte Gesellschaftswagen, von abgejagten Mähren geschleppt, von schlaftrunkenen Kutschern regiert, den Vororten zu. Solide Bürgersfamilien gingen wohlverwahrt, mit geschärftem Appetit – man wird so hungrig im Theater – nach Hause, wo ein kräftiges Abendessen sie erwartete, oder begaben sich in eine Restauration. … #ErsteSätze


Hans Fallada: Ein Mann will nach oben. Roman.

»Asche zu Asche! Erde zu Erde! Staub zu Staub!« rief der Pastor, und bei jeder Anrufung menschlicher Vergänglichkeit warf er mit einer kleinen Kinderschippe Erde hinab in die Gruft. Unerträglich hart polterten die gefrorenen Brocken auf das Holz des Sarges.

Den jungen Menschen, der hinter dem Geistlichen stand, schüttelten Grauen und Kälte. Er meinte, der Pastor hätte dem Vater die Erde sanfter ins Grab geben können. Doch als er nun selbst die Erde auf den toten Vater hinabwarf, schien sie ihm noch lauter zu poltern. Ein Schluchzen packte ihn. Aber er wollte nicht weinen, er wollte nicht hier weinen vor all diesen Trauergästen, er wollte sich stark zeigen. Fast hilfeflehend richtete er den Blick auf den Grabstein von rötlichem Syenit, der senkrecht zu Häupten des Grabes stand. »Klara Siebrecht, geboren am 16. Oktober 1867, gestorben am 21. Juli 1893« war darauf zu lesen. Von diesem Stein konnte keine Hilfe kommen. Die goldene Schrift war vom Alter schwärzlich angelaufen, das Sterbedatum der Mutter war zugleich sein Geburtstag; er hatte die Mutter nie gekannt. Und nun würde bald auch der Name des Vaters auf diesem Stein zu lesen sein mit dem Todestag: 11. November 1909.

Asche zu Asche! Erde zu Erde! Staub zu Staub! dachte er. Nun bin ich ganz allein auf der Welt, dachte er, und wieder schüttelte ihn ein Schluchzen. … #ErsteSätze


Rudolf Herzog: Das große Heimweh. Roman.

Indianischer Sommer …

Die Luft angefüllt von der Wärme vergangener Sonnentage, geklärt und gemildert durch das wachsende Alter des Jahres. Die Wälder aufflammend wie Opferfeuer, die sich im Prunk ihrer purpurnsten, golddurchschossenen Farben in Selbstberauschung zu verbluten trachteten, bevor der Winterschnee sie erstickte.

Die ganze Natur, das große Sterben vor Augen, nahm noch einmal alle ihre Kräfte zusammen zu einem leuchtenden Lebenslied, das den Tod nicht achtet im stärkeren Auferstehungsgedanken. Und das Lebenslied im pennsylvanischen Bergwald jauchzte in Wogen, die die Farbenskala des Goldes durchjagten, vom lichtesten Gelb zum blutigsten Rot, von den hellen Tönen der Zitterbirken und Blauweiden hinübergreifend zum gesteigerten Farbenrausch der Ahorne und Linden, der Ulmen, Platanen und Walnußbäume und im Triumph verharrend im Flammenmeer der Purpureichen. Wie Fahnenträger des urewigen Glaubens der Natur ragten über den Brand hinaus die sattgrünen Wipfel der Weymouthskiefer, der Hemlocktanne und Douglasfichte, die nach dem stillen, blauen Himmel langten. … #ErsteSätze


Virginia Woolf: Orlando. Roman.

Er – denn es war kein Zweifel über sein Geschlecht möglich, wenn auch die Mode der Zeit bemüht schien, es unkenntlich zu machen – er also war damit beschäftigt, den vom Sparrenwerk herabbaumelnden Kopf eines Mohren säuberlich zu zersäbeln. Dieser Kopf hatte die Farbe und mehr oder weniger auch die Form eines alten Fußballs, wenn man von den eingetrockneten Wangen und ein paar Strähnen groben, dürren Haares absah, das den Fasern einer Kokosnuß glich. Orlandos Vater (vielleicht war es auch sein Großvater gewesen) hatte den Schädel von den Schultern eines gewaltigen Heiden heruntergeschlagen, der sich unter dem Mond der barbarischen Schlachtfelder Afrikas wider ihn erhoben hatte; und nun hing er in dem mächtigen Hause des Lords, der ihn abgehauen hatte, und schwang sacht schaukelnd und unablässig in der Brise, die ohne Unterlaß durch die Räume des Dachgeschosses strich.

Orlandos Väter waren auf vielen Schlachtfeldern geritten – auf Asphodillfeldern und steinigen Feldern und Feldern, die von fremden Flüssen getränkt wurden; und sie hatten vielerlei Köpfe von vielerlei Farben von vielerlei Schultern gehauen und sie heimgebracht, um sie vom Sparrenwerk herabbaumeln zu lassen. Orlando wollte es ihnen gleichtun, das gelobte er. Da er aber erst sechzehn Jahre zählte und noch zu jung war, um mit ihnen in Afrika oder Frankreich zu reiten, so stahl er sich von seiner Mutter und den Pfauen im Garten hinweg und ging in die Dachkammer, um da seine Hiebe und Stöße zu führen und mit der Klinge die Luft zu zerhauen. … #ErsteSätze


Alfred Schirokauer: Alarm. Roman.

John Rutland warf die Serviette auf den Tisch, der Butler zog den Stuhl unter ihm fort. Das Diner hatte wieder genau 9½ Minuten gedauert. Es war die hastige lieblose Mahlzeit eines einsamen Mannes.

Rutland ging zur Tür der Bibliothek. Wisdom, der Butler, öffnete sie, der Herr nickte ihm kurz zu, Wisdom flüsterte: »Gute Nacht, Sir«, und damit war sein Dienst für heute erledigt.

Abend für Abend, wenn den leitenden ersten Direktor von Killick & Ewarts, der größten Waffenfabrik und mächtigsten Schiffsbauwerft Englands, nicht gesellschaftliche Pflichten riefen, schloß sich um halb neun hinter ihm die Tür der Bibliothek seines stillen Hauses in Egerton Terrace im Viertel Brompton zu London.

Unten im Souterrain saß geruhsam die Dienerschaft und plauderte. Dem weiblichen Teil des Personals spendete der geheimnisvolle Herr des Hauses einen unerschöpflichen Gesprächsstoff.

»Ich bin überzeugt«, sagte Amy, das sehr hübsche Stubenmädchen, das erst kurze Zeit hier in Stellung war und sich bisher vergeblich bemüht hatte, einen bewußt aufmerkenden Blick Rutlands zu erhaschen, »ich bin überzeugt, er haßt die Frauen.«

Die Köchin Jane, die seit fünf Jahren hier unten das Regiment führte, schüttelte gelassen ihr üppiges Doppelkinn. … #ErsteSätze


Camille Lemonnier: Die Liebe im Menschen. Roman.

Der Arzt spielte mit seinem goldenen Stifte und verordnete mir »eine beruhigende Lebensweise«. O nein, daran liegt es nicht; das Übel wurzelt anderswo. Die Nerven und der Geist sind angegriffen. Gut, ich weiß dies alles – dennoch ist es ein Anderes.

Auf der Straße zuckte ich mit den Achseln und zerriß das Geschreibsel. Da ging eben ein hübsches Kind vorbei und blickte mich an. Ich kenne sie nicht; ich habe sie niemals gesehen; dennoch kennt diese mein Übel besser als die Ärzte.

Vielleicht, daß ich ein uralter Mensch bin. Ich trage den Menschen in mir, der ich schon in den Fernen meines Geschlechtes war. Ja, damals schon tobte dieses Weh in mir, mein Blut glühte. Und ich bin kaum dreißig Jahre alt.

Bei uns zu Hause lebte ein schöner rüstiger Greis, eine Art Riese, der mit erhobenen Armen an die Decke reichte. Den Winter über wirkte er oben in seinem ungeheizten kleinen Zimmer Netze. Er war ein guter Mann, der die Jagd und die Fischerei liebte. … #ErsteSätze